Unsichere Zukunft der "special relationship"

7. November 2008, 18:37
posten

Das politische London stellt sich auf den neuen US-Präsidenten ein und fürchtet einen protektionistischen Kurs

Der britische Kriegspremier Winston Churchill verwies gern auf die "special relationship", die besondere Verbundenheit zwischen beiden Ländern, der konservative Regierungschef Harold Macmillan sah sich Anfang der Sechzigerjahre als weiser Berater des jugendlichen US-Präsidenten John F. Kennedy. In den Tagen nach Barack Obamas Wahlsieg machen sich die Außenpolitiker in London Gedanken darüber, was aus dem transatlantischen Verhältnis wird.

Wie der britische Botschafter in Washington den künftigen Präsidenten beurteilt, weiß man genauer, als der Londoner Regierung lieb ist: Ein detailliertes Papier Nigel Sheinwalds konnten Interessierte vor kurzem im Telegraph nachlesen. Fazit: "Seine Politik-Ideen entwickeln sich noch" - eine höfliche Umschreibung dafür, dass der "eindeutig liberale, manchmal unentschieden wirkende" Kurzzeit-Senator ein weitgehend unbeschriebenes Blatt darstellt. In der Downing Street heißt es: "Wer die Pläne des neuen Präsidenten zu wissen behauptet, der lügt."

Immerhin können sich die Briten ziemlich sicher sein: Der neue US-Präsident würde sowohl mit Labour-Premier Gordon Brown wie mit dessen Herausforderer David Cameron von den Konservativen gut zusammenarbeiten. Beide traf Obama im Juli in London, beide versuchten den US-Wahlsieger prompt für sich zu reklamieren.

"Nach Wandel gesehnt"

Der Demokrat habe "mit progressiven Werten" gewonnen und teile "die Entschlossenheit zu zeigen, dass Regierungen den Menschen durch die schweren Zeiten helfen können" , sagte Brown - ein Verweis auf das Lob, das er als Krisen-Manager im Finanzdebakel einheimsen konnte. Ähnlich klang auch die Stellungnahme der Konservativen. Amerika, betonte Cameron, habe sich "nach Wandel gesehnt - so, wie die Menschen überall in diesen schwierigen Zeiten auf Wandel hoffen".

Gar nicht einverstanden sind die Briten mit den protektionistischen Anklängen im Wahlkampf. Obamas Wirtschaftspolitik sei "ungeklärt" , glaubt Wirtschaftsminister Peter Mandelson. Neue Impulse für die Gespräche über den globalen Handel erhofft sich der Ex-EU-Handelskommissar vom scheidenden Präsidenten George W. Bush - offenbar fürchtet man in London, Präsident Obama werde sich weniger entschieden für den Freihandel einsetzen: "Wir müssen mit ihm die Isolationisten und Protektionisten besiegen, die es auch in der Demokratischen Partei gibt" , sagte Mandelson auf einer Veranstaltung in London.

In wichtigen außenpolitischen Fragen sieht sich die Labour-Regierung mit Obama einig. Auch die Briten wollen in absehbarer Zeit etwa alle Truppen aus dem Irak abziehen, die Antiterrorfront in Afghanistan soll verstärkt werden. Im Umgang mit dem Atomprogramm des Iran könnte London eine härtere Linie vertreten als der neugewählte Präsident, dem Verhandlungen ohne Vorbedingungen möglich scheinen. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2008)

 

Share if you care.