Verlorene Nachbarn

7. November 2008, 18:33
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Im Gedenkjahr 2008 erinnert in Buenos Aires das Projekt "Verlorene Nachbarschaft" an vertriebene Jüdinnen und Juden

Eine nachts rot beleuchtete Leinwandfassade mit dem Abbild der in der Pogromnacht 1938 zerstörten Synagoge in der Neudeggergasse in Wien ist temporäre Installation im Parque Thays in Buenos Aires. Das Areal an der verkehrsumtosten Avenida del Libertador trotzt symbolisch der Flüchtigkeit des Vorüberziehenden, das ins Vergessen mündet, vor allem wenn es um Verlorene Nachbarn von einst und ihre Nachkommen in der Fremde geht.

Das Projekt mit zahlreichen Veranstaltungen ist eines der wenigen, das im Gedenkjahr 2008 im Ausland stattfindet. Vor zehn Jahren luden die Organisatoren Vertriebene aus dem Einzugsgebiet des Neudeggergassentempels aus aller Welt nach Wien ein. Diesmal gehen sie den umgekehrten Weg und landen nicht zufällig am Ufer des Río de la Plata.

Buenos Aires beherbergt die größte jüdische Gemeinschaft auf dem Kontinent: Schätzungen gehen von bis zu 45.000 deutschsprachigen jüdischen Flüchtlingen aus. Rund 5000 davon kamen aus Österreich. Etwa 400 leben heute noch - viele von ihnen im Stadtteil Belgrano, wo sich mancherorts ein mitteleuropäisch anmutendes Grätzl-Leben erhalten hat und die deutsche Sprache bis heute gepflegt wird, wenn auch argentinisch gebrochen. Linguisten sprechen von "Belgrano-Deutsch".

Alfredo Schwarcz, Psychologe und Sohn österreichisch-deutscher Emigranten, nennt das Viertel ein "hochkomplexes Geflecht aus Entwurzelungs- und Verwurzelungsgeschichten der jüdischen Emigration im Kontext der argentinischen Einwanderungsgesellschaft".

Im Gedenkjahr 2008 ist Verlorene Nachbarschaft in Buenos Aires eine Art Premiere, erklärt Projekt-Direktor Alexander Litsauer: "Diese Form des Gedenkens ist in anderen Städten wie New York, Tel Aviv oder Wien schon lange bekannt, hier nicht." Die Folge sei, so der Schriftsteller Robert Schindel, dass "die Diskussionen hier leidenschaftlicher sind und mehr unter die Haut gehen als in Wien, wo das oft sehr ritualisiert und formalisiert abläuft".

Viele der noch in Wien geborenen verlorenen Nachbarn besuchen mit ihren Kindern und Enkeln Ausstellungen, Lesungen und Konzerte österreichischer Künstler und Diskussionsveranstaltungen und Vorträge, etwa zu Entschädigungsfragen. Was ein zweiwöchiger Veranstaltungsreigen bewirken kann, um festgefrorene Bilder in Bezug auf Österreich und die eigene Exilgeschichte zu verändern, erläutert der mit 14 Jahren emigrierte Schriftsteller und Arzt Alfredo Bauer: "Ich war diesbezüglich skeptisch. Aber man sieht hier, dass es wenigstens ein bisschen doch möglich ist." (Markus Leiter aus Buenos Aires, DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2008)

  • Gedenkjahr 2008: In Buenos Aires zeigen jüdische Emigranten ihren
Kindern und Enkeln 70 Jahre nach ihrer Flucht Bilder aus Wien.
    foto: verlorene nachbarschaft

    Gedenkjahr 2008: In Buenos Aires zeigen jüdische Emigranten ihren Kindern und Enkeln 70 Jahre nach ihrer Flucht Bilder aus Wien.

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