"Geist macht nicht Halt vor einer Religion"

7. November 2008, 18:21
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Audiovisuelle Installation im Nestroyhof-Theater

Wien - Lange Jahre war die Zukunft des Nestroyhofs in der Leopoldstadt aufgrund komplexer Besitz- und Nutzungsverhältnisse unentschieden. Jetzt kann der Verein "Theater Nestroyhof Hamakom" (Hamakom ist hebräisch und bedeutet "der Ort") auf einen unbefristeten Mietvertrag und ein Konzeptpapier verweisen. Bei positivem Bescheid der Vierjahresförderung kann es ab April in die Tat umgesetzt werden.

Untätig sind die künstlerischen Leiter Frederic Lion und Amira Bibawy aber auch jetzt nicht. Sie haben Sponsorgelder lukriert, die an der baulich noch eingeschränkten, einzigartigen Jugendstil-Raumbühne ein bescheidenes Vorlaufprogramm ermöglichen. Zwei Wochen lang erinnert jetzt eine audiovisuelle Installation an die Novemberpogrome von 1938. Vera Borek und Thomas Edlinger, die am Donnerstag in dem mit Zeitungsfaksimiles plakatierten Theaterfoyer noch live zu erleben waren, sind nunmehr via Kopfhörer zu hören. Sie lesen aus jenen zeitgeschichtlichen Dokumenten, die einander in eklatanter Weise kontrastieren: Hier die vom Elend des Vertriebenseins geprägten privaten Korrespondenzen, und dort die öffentliche Propagandasprache.

Mit einem interkulturellen Programm soll der Geist der Nestroy-Säle, die vor der Zerstörung jüdischer Einrichtungen durch die Nazis zu einem der pulsierendsten Orte auf der Mazzesinsel, dem traditionell jüdischen Wohnbezirk, gehörten, wieder geweckt werden: "Ohne historisierend zu sein" , fügt Lion entschieden an. "Wir wollen hier nicht Polgar rauf- und runterspielen." Los geht's mit Werner Koflers Café Treblinka im Frühling; Stücke von Jakov Lind, Albert Drach und Michel Leiris sollen folgen, ebenso Gastspiele internationaler Gruppen (z.B. Fable Vision aus Schottland). Neben dem "Disput" wird auch der Begriff des Etablissements als fixes Spielformat neu belebt, beginnend mit Berties Nightclub, einer Lyrikrevue nach Bertolt Brecht.

Immerhin war die Praterstraße einmal der "Broadway von Wien" (Lion), wo Theater- und Vergnügungsetablissements nebsts Walzer-seligen Gaststätten ein Multikulti-Spalier bis zum Praterstern bildeten. "Dieser wilde Geist ist heute noch da - in den Köpfen und den Gebäuden" , so Lion. "Etwa bei Antonio Fian, der seit 20 Jahren in der Leopoldstadt lebt und das aufsaugt. Geist macht nicht Halt vor einer Religion." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2008

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