"Keine akute Deflations­gefahr für Euroraum"

OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny im Chat

Österreich könne sich von der Krise nicht "völlig absentieren, wir sind aber gut gerüstet" erklärt OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny im Chat. Für das kommende Jahr erwartet er im Verhältnis Euro Schweizer Franken keine wesentlichen Veränderungen, in Bezug auf Euro Dollar würden ökonomische Daten aber dafür sprechen, dass die Dollarstärke wieder abnimmt. Für den Eurobereich sieht Nowotny "für absehbare Zeit keine Deflations-Perspektive." In anderen Wirtschaftsräumen, speziell Japan, könnte eine solche Problematik aber auftreten, so der OeNB-Gouverneur. Entscheidend für das Verhindern von Deflation seine positive Wirtschaftserwartungen, "die z.B. durch expansive Geld- und Fiskalpolitik gestützt werden können." (red)

ModeratorIn: Guten Tag Herr Dr. Nowotny, vielen Dank fürs Kommen, liebe UserInnen, wir freuen uns auf eine interessante Diskussion.

Ewald Nowotny: Freue mich, dass ich hier dabei bin und stehe gerne zu allen Fragen zur Verfügung.

w.angelika: Wie schätzen Sie die Folgen der Finanzkrise in Österreich ein?

Ewald Nowotny: Österreich wird selbstverständlich sich von dieser Krise nicht völlig absentieren können, wir sind aber gut gerüstet. Im Parlament wurde ein Sicherungspaket beschlossen, das einerseits für eine bessere Eigenkapitalausstattung sorgen soll und zum 2. die Liquidität sichern soll.

Minimonk: Herr Novothny, der Schweizer Franken ist im letzten Monat gegenüber dem Euro um rund 20 Prozent gestiegen. Viele Kreditnehmer stellen sich die Frage, wie sie sich weiter verhalten sollen. Wie sehen Sie für das kommende Jahr die Währungsentwicklung d

Ewald Nowotny: Prinzipiell sind Prognosen im Bezug auf Wechselkurse immer riskant, speziell auch für eine Notenbank. Persönlich meine ich, dass sich im Verhältnis Euro Schweizer Franken keine wesentlichen Veränderungen erwarten lassen, in Bezug auf Euro Dollar würden ökonomische Daten aber dafür sprechen, dass die Dollarstärke wieder abnimmt. In Sachen Frankenkredite sollte man sich mit seiner Bank beraten. Es kommt hier im Detail darauf an wie lange ist die Restlaufzeit und wie groß ist die Möglichkeit Währungsrisiko zu tragen. Man sollte jedenfalls nicht ohne Beratung in dieser Situation eines hohen Schweizer Franken die Währung wechseln.

mi.p.: Mich würde interessieren aus was die Währungsreserven der OeNB betsehen? Wie viel przent dollar, gold, etc.?

Ewald Nowotny: Die österreichischen Währungsreserven betragen rund 12 Mrd., davon 5,6 Mrd. in Gold und 6,2 Mrd. in Fremdwährungen, eine genaue Aufgliederung der Fremdwährungen darf nicht gegeben werden.

Behind U: Sollen kleine Banken um jeden Preis "aufgefangen" werden. Welche Kriterien wären entscheidend um eine staatliche Unterstützung zu rechtfertigen?

Ewald Nowotny: Prinzipiell ist in jedem Einzelfall zu klären, wie im Fall eines Bankenproblems vorzugehen ist. Wenn aus Bankenproblemen ein gesamtwirtschaftliches Systemproblem entstehen kann, ist es sinnvoll einzugreifen. Bei kleinen Banken und Sparkassen wird in der Regel ein Auffangen durch den Sektor selbst erfolgen, wie dies z.B. in der Vorwoche der Fall war.

UserInnenfrage per Mail: Über eine Weltfinanzaufsicht wird jetzt intensiv diskutiert. Mit welchen Kompetenzen wäre eine solche auszustatten – oder halten Sie nicht davon?

Ewald Nowotny: Eine Weltfinanzaufsicht kann nur bedeuten, dass weltweit einheitliche Regeln für Banken aufgestellt werden. Das bezieht sich z.B. auf Mindestkapitalausstattung, Vollständigkeit und die Stellung von Rating-Agenturen. Die konkrete Vor-Ort-Prüfung wird in jedem Fall durch die nationalen Aufsichtsbehörden erfolgen müssen. Konkret sollen die Möglichkeiten einer Weltfinanzaufsicht beim globalen Finanzgipfel nächste Woche diskutiert werden.

super web checker: Sehr geehrter Herr Prof. Nowotny! Das Geld ist weg, der Steuerzahler wird die Rechnung begleichen. Der Schuldige ist neben den verantwortungslos spekulierenden Bankmanagern wohl auch die Regierung, die es nicht geschafft hat, entsprechende Rahmenbed

Ewald Nowotny: Zunächst: Es handelt sich hier ja nicht um ein österreichisches, sondern ein weltweites Problem. Hier ist tatsächlich kritisch anzumerken, dass es Regulierungslücken gab, z.B. eine unzureichende Erfassung von "Sondergesellschaften". Für Österreich ist es jetzt notwendig in dieser Krise stabilisierend zu wirken. Wichtig ist vor allem, dass die Kreditgewährung wieder in Gang kommt, da es sonst zu massiven Investitionsrückgängen und damit Wirtschaftsschrumpfung käme.

Johann S. Laibach: Maastricht und die 3-%-Kennzahl sitzen der Republik Österreich im Rücken. Als wie sinnvoll erachten sie die Maastrichtvorgaben?

Ewald Nowotny: Prinzipiell halte ich die Maastrichtvorgaben für sinnvoll in dem Sinn, dass in guten Zeiten Budgetdefizite zu reduzieren sind um in schwierigen Zeiten finanzpolitischen Spielraum zu haben. Derzeit ist es sicher notwendig positive Impulse auch von Seiten der Finanzpolitik zu geben. In ihrer neuen Fassung (seit 2006) ist dies auch nach Maastrichtkriterien möglich (größere Flexibilität).

Matthew Brockett: Die Bank of England hat letzte Woche die Zinsen um 1.5% gesenkt. Warum reagiert die EZB so verhalten und koennen wir weitere Zinssenkungen erwarten?

Ewald Nowotny: Auch die EZB hat die Zinsen gesenkt, ist allerdings vorsichtiger vorgegangen, nicht zuletzt weil auch die Inflationsrate noch über ihrer Zielsetzung (2%) liegt. Präsident Trichet hat aber bereits angekündigt, dass bei weiterem Rückgang der Inflation auch die EZB Spielraum für weitere Zinssenkungen sieht.

Anton D.: Wieso haben Sie befürwortet, den Banken Partizipations- und Haftungskapital ohne jede Bedingung - ganz zum Unterschied zu Deutschland- zur Verfügung zu stellen?

Ewald Nowotny: Es gibt bei den staatlichen Maßnahmen sehr wohl Bedingungen, die in den jeweiligen Verträgen mit den Instituten festgehalten werden. Beispiele dafür sind: Entgeld für Kapitalbereitstellung, Verpflichtung für spezielle Kreditprogramme für Klein- und Mittelbetriebe (das ist wahrscheinlich das wichtigste Element), umfangreiche Berichtspflichten. Bezüglich Entlohnung erfolgte z.B. im Paket mit der Ersten Bank ein Verzicht des gesamten Vorstandes auf sämtliche Bonus-Zahlungen.

der regionalkosmopolit: Wie hoch ist die tatsächliche Gefahr einer Deflation und wie kann man sich am besten dagegen absichern?

Ewald Nowotny: Diese Frage wird zunehmend auch international diskutiert. Für den Eurobereich sehe ich für absehbare Zeit keine Deflations-Perspektive. In anderen Wirtschaftsräumen, speziell Japan, könnte eine solche Problematik aber auftreten. Entscheidend für das Verhindern von Deflation sind positive Wirtschaftserwartungen, die z.B. durch expansive Geld- und Fiskalpolitik gestützt werden können.

UserInnenfrage per Mail: Der Eigentümer der Bawag – Cerberus – ist auch Eigentümer von Chrysler, und ist, so wird in den Medien berichtet, in massiven finanziellen Nöten. Ist ein Rückkauf der Bawag mit anschließender Verstaatlichung eine wahrscheinliche Option?

Ewald Nowotny: Ich kann mich zu Einzelbanken nicht äußern, soweit ich weiß, gibt es von Seiten der Eigentümer der BAWAG keine Änderung der ursprünglichen Strategie.

Meklon von Andromeda: Die großen Rating-Agenturen kann man als Mitverursacher der Krise bezeichnen. Dabei handelt es sich durchwegs um amerikanische Firmen. Wird an eine "europäische" Ratingagentur gedacht, welche unter strengerer Kontrolle (EZB, neue europ. Finanzmarkta

Ewald Nowotny: Die Rating-Agenturen sind in der Tat vielfach kritisiert worden. Besonders problematisch sind die Fälle von Interessenkonflikten, wo Rating-Agenturen zunächst an der Zusammenstellung von Kreditpaketen beteiligt waren und anschließend an der Bewertung. Das hat zu massiven Problemen geführt. Ich selbst habe in meiner Zeit als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank an einer Arbeitsgruppe zur Errichtung einer europäischen Rating-Agentur mitgewirkt. Leider gab es keinen Erfolg, da sich kein geeigneter Träger gefunden hat. Ich meine aber, man sollte dieses Problem weiter verfolgen.

pimp my wife: S.g. Herr Novotny! Die österreichische Finanzbranche war in den letzten Jahren Schauplatz von einer ganzen Reihe von Skandalen. Warum gab es gerade in den letzten Jahren soviele? Sehen Sie Verbesserungsbedarf bei Aufsicht bzw. Strafverfolgung? Fehlt

Ewald Nowotny: Leider hat es tatsächlich in den letzten Jahren eine Reihe von negativen Entwicklungen am österreichischen Finanzplatz gegeben, wobei die Ursachen freilich jeweils unterschiedlich waren. Seit 1. Jänner 2008 gibt es eine neue Struktur der Finanzmarktaufsicht, aufbauend auf einer engen Kooperation zwischen OeNB und FMA. Diese Kooperation funktioniert sehr gut, wir haben aber ein gemeinsames Reformpapier verfasst, mit Vorschlägen für weitere Verbesserung. Dazu gehört z.B. das Schließen von Kontroll-Lücken, die Möglichkeit stärkerer Sanktionen und auch Möglichkeiten für rascheres Eingreifen (bis hin zu Hausdurchsuchungen). Wir hoffen, dass in der nächsten Legislaturperiode die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden.

MoneyToo: Wie wirken sich die Finanzspritzen der Banken auf die Inflation aus ? Hat das Platzen der "Blasen" und das Hineinpumpen frischen Geldes den Anteil der wertungedeckten Geldmenge im Umlauf nicht massiv erhöht?

Ewald Nowotny: Die Liquiditätshilfen durch die Notenbanken haben keinen inflationären Effekt, da sie ja stets nur in Form kurzfristiger Kredite gegeben werden, d.h. rasch rückführbar sind. Dagegen gibt es heute wohl schon Konsens, dass die Politik niedriger Zinssätze von der US-Notenbank zu lange betrieben wurde und das tatsächlich zur Entwicklung von "Blasen" geführt hat.

FFW: Warum wird von der EZB nicht - ähnlich wie in den USA - eine "Bad Bank" gegündet, die mit (neuem) Zentralbank-Geld "Toxic Assets" ankauft? Momentan werden die Probleme der Banken mittels Steuergeldern gelöst, was fatale Konsequenzen auf die Konjunkt

Ewald Nowotny: Zumindest derzeit wird die direkte Bewältigung von Finanzkrisen als Aufgabe der nationalen Notenbanken gesehen, während die EZB für die Liquiditätsversorgung zuständig ist. Auf nationaler Ebene gibt es einige Beispiele für "Bad Banks", ein direkter Einsatz von EZB-Liquidität ist nach EZB-Statut dafür aber nicht zulässig. Hier sind die USA in der Tat flexibler.

florentin: sollte sich der staat nicht mehr mitspracherecht bei den banken, die das hilfspaket in anspruch nehmen sichern

Ewald Nowotny: Der Staat sichert sich bei den Banken eine Vielzahl von Informationsrechten und legt vertraglich bestimmte Geschäftsstrukturen fest (vor allem spezielle Kreditprogramme für Klein- und Mittelbetriebe). Grundsätzlich sollte aber die unternehmerische Verantwortung beim jeweiligen Bankmanagement festgelegt sein.

Andreas Margreiter: Wenn von einer Aufstockung der Einlagensicherung von 20.000 auf 100.000 € gesprochen wird, was genau wird dann gemacht bzw. wo kommt das zusätzliche Bargeld her?

Ewald Nowotny: Die Einlagensicherung beruht auf 2 Säulen: Zum einen, wie bisher, auf der Solidarhaftung der jeweiligen Sektoren der Kreditwirtschaft (z.B. Raiffeisen, Sparkassensektor). Die darüber hinausgehende Haftung hat der Staat übernommen. Wesentlich ist dabei durch diese Sicherung einen möglichen "run" auf eine Bank zu verhindern, d.h. dass davon ausgegangen werden kann, dass diese Haftung durch ihre Stabilisierungswirkung gar nicht in Anspruch genommen werden muss.

jack johnson: Ist die Machtkonzentration im Banken, im Zuge der Krise- wie auch anderen Sektoren- nicht genau der falsche Weg? oder anders: warum werden die Banken nicht spezialisiert (wirklich) getrennt in Investment, Privatkunden, Information Services....... um

Ewald Nowotny: Gerade in der Krise haben sich die "traditionell europäischen" Universalbanken sehr viel besser bewährt als Spezialbanken. Der sinnvolle Weg ist daher wohl für Wettbewerb zwischen den Universalbanken zu sorgen, was vor allem durch internationale Öffnung im Rahmen der EU erreicht wird.

Rea List: können sie sicher sein, dass die banken die liquiditätsspritzen auch tatsächlich zurückzahlen können - auch wenn systemweite risiken eintreten?

Ewald Nowotny: Bei den Liquiditätshilfen geht es darum, den Geldmarkt wieder in Gang zu bringen. Um dafür die entsprechende Vertrauensbasis zu schaffen, sind auch staatliche Garantien vorgesehen. Dies allerdings nur für ein Jahr, dann sollte der Geldmarkt wieder wie früher zwischen den Banken funktionieren.

der postbote: Die österreichischen Banken betonen stets, sie würden sehr solide aufgestellt sein. Ist das Hilfspaket demnach nicht vielmehr der Versuch, die Risiken aus ihrem überproportional großen Engagement in Zentral- und Osteuropa - wo sie gigantische Kredit

Ewald Nowotny: Die Finanzkrise die wir haben ist international, entsprechend sind auch die Hilfspakete international. Für Österreichs Banken war es daher wichtig, zunächst nachzuziehen, damit nicht gegenüber anderen Staaten eine Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der österreichischen Banken und damit zu Lasten der österreichischen Wirtschaft entsteht.

Matthew Brockett: Die Europaische Kommission und IWF erwarten, dass die Wirtschaft der Euro-zone naechstes Jahr schrumpft. Stimmen Sie zu?

Ewald Nowotny: Leider dürften diese negativen Prognosen realistisch sein.

hirn mit ei: zuerst finanzkrise, dann vielleicht deflation. was waere denn nach der deflation der worst case

Ewald Nowotny: Deflation ist für die Finanzwirtschaft wohl der worst case, weil es sehr schwierig ist, sie zu überwinden. Daher werden alle Notenbanken alles tun um das zu vermeiden. Wie bereits erwähnt, sehe ich für den Euroraum aber derzeit keine akute Deflationsgefahr.

shapeless23: Was halten Sie von den Attac-Ansätzen den Finanzmarkt umzugestalten. Hätten Forderungen wie etwa "Genehmigungspflicht und Pflicht zum Handel innerhalb von Börsen" einen positiven Effekt zur Stabilisierung des Finanzmarktes?

Ewald Nowotny: Prinzipiell gibt es heute einen breiten Konsens, dass in einigen Bereichen die Deregulierung im Finanzbereich wohl zu weit gegangen ist. Daher ist es sinnvoll, eine Diskussion zu führen wo Notwendigkeiten für zweckentsprechende neue Regulierungen bestehen. Ein Beispiel ist etwa das Verbot von Leer-Verkäufen (Short-selling). Gleichzeitig müssen die Märkte, wo sie eine volkswirtschaftliche Funktion erfüllen, funktionsfähig erhalten bleiben. Hier ist daher noch viel Detaildiskussion zu führen.

Carlitos: Bereuen Sie schon das Sie den Job des Gouverneur der OeNB angenommen haben?

Ewald Nowotny: Nein, das bereue ich nicht. Wir haben zwar spannende Zeiten, aber ich sehe das als Herausforderung, die es zu bewältigen gilt.

ModeratorIn: Liebe UserInnen, danke für das außerordentlich große Interesse und die vielen Fragen, die wir leider bei weitem nicht alle beantworten konnten. Lieber Herr Dr. Nowotny, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Allen noch einen schönen Tag

Ewald Nowotny: Danke für die lebhafte Diskussion, ich stehe gerne wieder für ein Gespräch zur Verfügung. Mit besten Grüßen Ihr Ewald Nowotny.

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