Architektur: Kindergarten für Erwachsene

7. November 2008, 16:35
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Daniel Libeskind hat in Bern ein riesiges Erlebnis- und Einkaufszentrum entworfen - Das Westside lockt mit avantgardistischer Architektur

Die Altstadt von Bern: Die leuchtend rote Straßenbahn fährt vorbei an klassizistischen Häuserfassaden, an mittelalterlichen Brunnen und geschmückten Arkadengängen. Seit 1983 gehört der historische Ortskern mit der berühmten Zytglogge zum Unesco-Weltkulturerbe. Für die kopfsteingepflasterte Schweizer Bundesstadt hat der US-Amerikaner Daniel Libes-kind ein neues urbanes Wahrzeichen geschaffen. Kein Museum und keine Gedenkstätte, die zum Markenzeichen des in New York lebenden Architekten gehören, sondern ein riesiges Einkaufs- und Unterhaltungszentrum. "Das ist eine richtige Urlaubsdestination und kein Ort, wo man hinkommt, um einzukaufen und dann wieder nach Hause zu fahren", sagt Libeskind, "sondern ein kreativer Ort, wo Menschen ihre Freizeit verbringen können."

Hier, im Nordwesten Berns, fünf Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, steht Libeskinds wuchtig-spektakulärer Neubau. Mit allem, was zu seinem Konzept eines modernen Unterhaltungszentrums gehört: Shoppingmall, Erlebnisbad, Multiplexkino, Hotel- und Seniorenresidenz. Alles eingebettet zwischen den sanften Hügeln der Emmentaler Landschaft und gesichtslosen, heruntergekommenen Betonhochhäusern. In diesen sozialen Brennpunkt scheint der 315 Millionen Euro teure "Kindergarten für Erwachsene", wie Libeskind seinen Neubau nennt, so gar nicht zu passen. Dagegen hoffen Berns Stadtobere, mit dem Westside den Verfall des Stadtteils aufzuhalten und dem Quartier neue Lebensqualität einzuhauchen.

"Ich wollte kein Einkaufszentrum, sondern eine kleine, richtige Stadt entwerfen", sagt Libeskind. Dass er für diesen Zweck eine schlichte Shoppingmall entworfen habe, gegen diesen Vorwurf verwahrt sich Libeskind vehement: "Ich habe keinen Konsumtempel geschaffen. Ich habe einen urbanen Raum für das 21. Jahrhundert entworfen!"

Nach Osnabrück, Denver, Seoul und Toronto ist das Westside Libeskinds erst siebzehntes fertiggestelltes Gebäude. Der Bau ist Blickfang und ästhetisches Experiment zugleich, alles andere als jene gleichförmigen Ladenansammlungen, die so typisch für US-amerikanische Vorstädte sind. Architektonisch geht Libeskind vom Bild der geöffneten Hand aus, deren Finger als Baukörper in die Landschaft greifen. Umgekehrt wächst die Natur zwischen den Fingern in den gebauten Bereich hinein. Im Zentrum der Handfläche liegt die Migros-Shoppingmall, die Finger enthalten andere Nutzgebäude wie Kino und Schwimmbad. "Warum sollen wir nicht diese alltäglichen Dinge zelebrieren? Warum sollten wir nur die elitären Vorstellungen eines Museumsbesuchers oder eines Operngängers preisen?" Obwohl Libeskind immer wieder die Kommerzialisierung heutiger Architektur beklagt, sieht er in seinem Freizeitzentrum keine Variante einer Shoppingmall.

Von außen betrachtet gleicht das Westside über- und ineinander geschichteten Boxen. Libeskind hat diese mit Aluminiumblech, überwiegend aber mit wetterfestem Robinienholz in offener Bretterstruktur verkleiden lassen. Diese rechtwinkelige Geometrie des Baukörpers wird durch sogenannte Cuts aufgebrochen. Das sind schräg von oben nach unten geführte gläserne Bänder, die als Fenster dienen - und als Ornament. Tagsüber treten die dunkel getönten Scheiben der Cuts gegenüber der helleren Holzfassade zurück, in der Nacht erstrahlen sie als leuchtende dekorative Linien.

Im Inneren der Shoppingmall hat man das Gefühl, Fremder und Entdecker zugleich zu sein. Der Grundriss ist alles andere als quadratisch, praktisch, modern. Es gibt keinen Mittelpunkt, keinen zentralen Raum, um den sich alles gruppiert, stattdessen: überall Verwinkelungen und Lichtschlitze, hinter jeder Wand eröffnet sich eine neue Perspektive. Darin ist Libeskinds Handschrift erkennbar. Die schrägen Wände und spitzen Winkel kommen besonders in der Mall zur Geltung. Sogar die Fensterfronten einiger Läden sind nach innen gekippt.

"So entsteht eine Art eigene Landschaft, die nur durch die unterschiedlichen Ladenschilder unterbrochen wird", erklärt Libes-kind. Doch zum Leidwesen des 62-Jährigen haben nur wenige Ladenpächter sein ästhetisches Konzept für die Gestaltung der Verkaufsräume übernommen. Selbst der Einfluss eines Stararchitekten hat nur bis zur Ladenfront gereicht. Dahinter herrscht vertrautes Design aus dem Hause McDonald, Swarovski oder Prada. Corporate Identity über alles. Diesem Gebot muss sich auch die Individualität der Libes-kind'schen Rauminszenierung unterordnen. Dass aber ausgerechnet die Säle des Multiplex-Kinos besonders enttäuschend geraten sind, überrascht angesichts der medialen Möglichkeiten des Kinos und ist dem profitorientierten Betreiber geschuldet.

Freischwebende Rolltreppen

Eine spektakuläre Besonderheit sind dafür fünf riesige Kristalle. Durch diese schrägen, dreieckigen Glaskörper fällt das Tageslicht durch mehrere Stockwerke in den Gebäudekomplex. Der größte ist bis zu 45 Meter lang und 39 Meter breit und zeugt von Libeskinds expressivem Umgang mit Licht und Raum. Wie große Gesteinsbrocken durchstoßen die Kristalle das rechtwinkelige System der verschiedenen Gebäudeteile. So entstehen innenhofartige Lichträume, die als Gelenkstellen etwa in der zentralen Shoppingmall fungieren. Hier verbinden scheinbar freischwebende Rolltreppen die verschiedenen Etagen. Mit dem Westside hat Libeskind ein urbanes Unterhaltungszentrum geschaffen, das nicht nur ästhetisch dem klassischen Konzept der Shoppingmall entgegensteht. Die Altersresidenz mit 95 Wohnungen und 20 Pflegezimmern, die inmitten des Westside liegen, drückt Libeskinds Idee von einer lebendigen Architektur für Jung und Alt am besten aus.

Anders als etwa in den USA legen die Stadt Bern und die Migros AG als Betreiber großen Wert auf die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: eine elegante Stahl- und Betonkonstruktion verbindet die S-Bahn-Haltestelle am Westside in sieben Minuten Fahrzeit mit der Innenstadt. Aber der Besucher kann auch mit dem Auto anreisen und dieses unter einem ebenfalls von Libeskind entworfenen Tankstellendach auftanken. Dem entspricht sein Selbstverständnis, dass Architektur nicht nur große Entwürfe zu produzieren hat, sondern auch ein Handwerk darstellt. So hat der in Polen geborene Libeskind auch das Design der Klimaanlage, Rohrsysteme und Glühbirnen mitentwickelt.

Ohne Zweifel zählt die Badelandschaft zu den eindrucksvollsten Räumen. Das Bernaqua öffnet sich mit seinen Außenbecken und Liegeterrassen der idyllischen Berner Hügellandschaft. Fun und Wellness gehören zum Erlebnisbad, eine Gegenstromanlage, Wildwasser-Canyon, Unterwassermusik, Außenrutschen, Spa, Sauna und Fitnessbereich. Nur wer richtig schwimmen will, wird enttäuscht sein: Die maximale Wassertiefe beträgt 1,30 Meter. Mehr schien den Investoren der Migros AG nicht rentabel. Das 50-Meter-Becken ist out, dafür kann man im Erlebnisbad dem Loungen frönen.

Kritiker bezeichnen Libeskinds Formensprache mittlerweile als redundant. Das weist der Architekt mit dem Argument zurück, seine Bauten seien eine Antwort auf die zeitgenössische Diktatur der Homogenität. Doch auch ein Libeskind hat sich der Logik des Shoppens zu unterwerfen, die da lautet: Einkaufszentren müssen zum Verweilen verführen. Je länger der Kunde bleibt, desto mehr konsumiert er. "Wir können dem Geld nicht immer kritisch gegenüberstehen. Das Westside ist kein Ort, wo das Bewusstsein betäubt wird."

55 Geschäfte buhlen um das Sichbewusstwerden - Douglas, Starbucks, Esprit etc., ein Erlebnisbad, elf Kinos, zehn Restaurants. Die gekühlten Schließfächer zum Zwischenlagern der Einkäufe sind da eine sinnvolle Ergänzung. Der ideale Besucher im Sinne der Betreiber reist früh an, kauft in einem der Lichthöfe unter den großen Kristallen viel ein, geht dann in das Erlebnisbad, stärkt sich anschließend im Food-Court und beschließt seinen Besuch im Kino. Ob sich die Ästhetik des Baus gegen diesen Kommerz behaupten kann, das muss sich erst noch weisen. (Michael Marek, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2008)

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