Herzinfarkt: Psychische Gesundheit überlebenswichtig

7. November 2008, 16:38
posten

Herzinfarkt-Überlebende mit posttraumatischen Belastungsstörungen tragen ein deutlich erhöhtes Risiko früher zu sterben

Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie an rund 150 Patienten, die nach einem Herzinfarkt oder Herzstillstand einen Defibrillator erhalten hatten. Die Wissenschafter des Helmholtz Zentrums München, der TU München sowie des Deutschen Herzzentrums fordern, den psychischen Symptomen weitaus größere Aufmerksamkeit zu widmen, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Unter Leitung von Karl-Heinz Ladwig hat ein Team von Wissenschaftern aus dem Helmholtz Zentrum München, der Technischen Universität sowie dem Deutschen Herzzentrum nachgewiesen, dass Herzinfarkt-Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung ein erhöhtes Risiko tragen, früher zu sterben als Patienten ohne diese Diagnose. Dies berichten die Wissenschafter in der aktuellen Ausgabe der weltweit renommiertesten psychiatrischen Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry.

Patienten fünf Jahre beobachtet

Die Wissenschaftler hatten in ihrer Studie 147 Patienten über einen Zeitraum von fünf Jahren nachverfolgt. Die Patienten hatten einen schweren Herzinfarkt oder einen plötzlichen Herzstillstand überlebt und zur Vorbeugung eines erneuten Herzstillstandes einen schrittmachergroßen, automatisch funktionierenden Defibrillator implantiert bekommen.

Symptome posttraumatischer Belastungsstörung

"Zu Beginn der Untersuchung befragten wir die Patienten eingehend danach, wie sie den dramatischen Beginn ihrer Erkrankung seelisch verkraftet hatten", beschreibt Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München das Studiendesign. Dabei fragten die Wissenschaftler insbesondere nach Symptomen, die typischerweise bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auftreten: Angstvolle, sich aufdrängende bohrende "intrusive" Erinnerungen an das lebensbedrohliche Geschehen, Vermeiden von Verhaltensweisen, die an das Ereignis erinnerten sowie eine nach dem Erstereignis aufgetretene gesteigerte nervöse Unruhe oder Überwachheit (Hypervigilanz).

Ein Teil der Patienten litt in gesteigerter Weise an diesen Symptomen. Ihr Leben war durch immer wiederkehrende bedrohliche Erinnerungen an ihre Erkrankung bestimmt. Sie lebten in einem dauerhaft angstvoll-angespannten Zustand. Diese Menschen wiesen ein 3,5fach erhöhtes Risiko auf, früher als diejenigen Patienten zu sterben, die nicht an solchen Symptomen litten und sich mit ihrer Erkrankung hatten arrangieren können.

Kein Zusammenhang mit anderen Risikofaktoren

Weitere Berechnungen ergaben zudem, dass andere Faktoren, die ebenfalls Einfluss auf die Überlebensfähigkeit dieser Patienten haben, in keinem Zusammenhang mit dem Risiko der posttraumatischen Symptomatik stehen. Zu solchen Risikofaktoren zählen unter anderem das Alter, die Auswurffraktion des Herzens als Maß für die verbliebene Herzmuskelkraft oder Diabetes. Überraschenderweise fand sich auch keine Verbindung mit dem komorbiden Vorhandensein von Depression und Angst. "Dies bedeutet", so Studienleiter Ladwig, "dass das PTBS-Risiko unabhängig von den genannten weiteren Risikofaktoren besteht und keineswegs durch sie erklärt werden kann."

Wie dramatisch erhöht das Mortalitätsrisiko der betroffenen Patientengruppe ist, zeigte auch die Berechnung der absoluten Risiken: Verglichen mit unauffälligen Patienten, bei denen mit 55 Todesfällen pro 1000 Patientenlebensjahren gerechnet werden muss, lag das Risiko der PTBS Patienten bei 80 Ereignissen pro 1000-Patientenjahren.

Mehr Aufmerksamkeit für psychische Symptome

Als Konsequenz aus diesen deutlichen Studienergebnissen fordern Ladwig und sein Team, bei Herzinfarkt-Patienten den Symptomen einer PTBS in Zukunft weitaus größere Aufmerksamkeit zu widmen. Spezielle Hilfsangebote, bei Bedarf auch eine psychotherapeutische Begleitung, müssen rasch entwickelt und auf ihre Wirksamkeit getestet werden. Zum anderen bedarf es weiterer Forschung nach den Mechanismen, die dazu führen, dass die PTSD-Symptomatik einen solch fatalen Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Patienten mit Defibrillatoren ausübt. (red)

  • Wie stark Körper und Psyche bei der Gesundheit zusammenspielen können, zeigt eine neue Untersuchung bei Herzinfarkt-Patienten
    foto: derstandard.at/mat

    Wie stark Körper und Psyche bei der Gesundheit zusammenspielen können, zeigt eine neue Untersuchung bei Herzinfarkt-Patienten

Share if you care.