Die nächste Revolution

7. November 2008, 16:16
posten

Anschreiben gegen die aktuelle Politik und die eigene Vergangenheit: Kommende Woche präsentiert sich die ukrainische Literatur in Wien

Identitäten, davon trägt die Ukraine einen kleinen Bauchladen voll mit sich durch die junge Unabhängigkeit. Die Suche nach einer eigenständigen Literatur stellt den westukrainischen Literaten allerdings eine Gewissensfrage. "Die Sehnsucht nach dem einen Roman" quält nicht nur Jurko Prochasko, der sich als Übersetzer und Autor bereits einen Namen erschrieben hat. Doch der sakral anmutende Erlösungsgedanke an das ukrainische Gegenstück zum deutschen "Wenderoman" scheitert an der Sprachwahl einer Generation von Autoren.

Für jene, die bereits vor der Unabhängigkeit zu schreiben begannen, stellte sich die Frage "russisch oder ukrainisch" im "zweiten Babylon" , wie Lviv oder Lemberg früher genannt wurde, selten. Heute wirkt nicht nur die Altstadt wie eine Großbaustelle - auch hat sich die Sprachbarriere der Turmbauer Richtung Kiew verschoben. Ob "echte" ukrainische Autoren noch in russischer Sprache schreiben, wie etwa Andrej Kurkow, spaltet die westukrainischen Literaturschaffenden selbst 17 Jahre nach der Unabhängigkeit von der UdSSR. So auch am Tisch des Lemberger Hotel George, dessen imperialer Glanz durch einen dünnen Film aus Baustaub schimmert.

An einer langen Tafel im separaten Speisesaal aufgefädelt, sitzen ukrainische Autoren Journalisten gegenüber. Doch der intellektuelle Diskurs über die selbst diagnostizierte Misere der ukrainischen Literatur braucht keine Zwischenfragen, um widersprüchlich zu sein. Sind es geografische oder sprachliche Grenzen, die heimische Literaten definieren, oder ist es ein mentales Problem, dass sie zwar im Ausland, aber nicht in der Ukraine selbst wahrgenommen werden?

Der Verleger Andrej Mokroussov kritisiert diese Streitereien: "Die Intellektuellen sprechen mehr untereinander, als sich in die Gesellschaft einzubringen - so denkt diese, es gebe die Intellektuellen nicht." Ob Provokation ein nutzbares Mittel ist, Aufsehen zu erregen? Prochasko zweifelt daran: "Die ukrainische Literatur lässt keine Skandale zu, das würde eine gewisse Sensibilität voraussetzen."

Viktor Neborak, der schon in Sowjetzeiten mit "Untergrundperformances" der gemeinsam mit Juri Andruchowytsch gegründeten literarischen Gruppe Bu Ba Bu für Aufruhr sorgte, amüsiert der Wunsch mancher Autoren "geliebt zu werden" : "Nur das eigene Talent kann uns helfen." Durch den Wegfall der Zensur könne alles geschrieben werden, von völlig Plattem bis zum hohen Ton. Und "ein Skandal liebt mich nicht" , stellt er trocken fest.

Die Liebe der heimischen Leser war allerdings im Gegensatz zum Erfolg ukrainischer Autoren im Ausland auch bei der Lemberger Buchmesse nicht so groß wie erwartet. Der Lyriker und Mitveranstalter Ostap Slyvynsky zeigt sich enttäuscht: "Die Besucher sind Studenten, die zu allen exotischen Veranstaltungen kommen." So würden Autoren antreten ohne Spuren, ohne Übersetzungen zu hinterlassen. Als Lösung sehen Slyvynsky und die Organisatorin Nelly Kloos nur die Zeit und die Hoffnung auf eine junge Generation, die in der "freien" Ukraine aufgewachsen ist und nicht verklärten Historien nachtrauert. Statt einer literarischen Revolution und "dem einen Roman" beschäftigt die Autoren die politische Unsicherheit im Land. Nazar Honcar, ehemaliger Stadtschreiber von Graz, sieht es pragmatisch: "Wenn es politische Probleme gibt, muss man aufstehen und sie benennen." Auch der Autor und Germanist Tymofiy Havryliv verweist darauf, dass der Politik in der Ukraine wenig Vertrauen entgegengebracht wird: "Einer zynischen Politik wird eine zynische Literatur gegenübergestellt" skizziert Havryliv den Teufelskreis, den er in seinem sarkastischen Erzählband Meine Ukraine mit Ironie durchbrechen will.

Für ihn bleibt Literatur glaubwürdiger als die Politik. Eine Einschätzung, die Andrej Kurkow bei einem Gespräch in seiner Kiewer Stadtwohnung teilt. Den dichten Nebel, der die ukrainische Metropole einhüllt, deutet der Bestsellerautor ironisch: "Nebel und Politik; das ist Harmonie."

Gefängnis statt KGB

Warum die Bevölkerung mehr Vertrauen in die Schriftsteller als in die Politik hat, liegt für ihn in den Vorgeschichten der Mächtigen. So gilt in Zeiten der Finanzkrise, was beim Zusammenbruch der UdSSR gültig war: "Geld ist nichts, Beziehungen sind alles". Was Kurkow selbst zu nützen verstand. Statt als Dolmetscher bei der Rundfunkspionage des KGB anzuheuern, ließ er sich als Gefängniswärter nach Odessa versetzen. Denn KGB-Mitgliedern war es untersagt, nach der Dienstzeit ins Ausland zu reisen. Was die Karriere des Autors, "der nie sehr große Ambitionen hatte" , wohl gebremst hätte. Aktuell schreibe er an einem unpolitischen Roman, Der Gärtner von Tschechow. Es sei schwer, aber er schaffe es, schmunzelt der russischsprachige Autor.

Als Lösung des innerukrainischen Ost-West-Konflikts verweist Kurkow auf Russland: Dort unterscheide man zwischen russischer und russischsprachiger Literatur. Doch was, wenn ukrainische Talente von russischer Seite vereinnahmt werden, wie die gefeierte Jungautorin Natalka Sniadanko in Lemberg erzählte? Beispielsweise wurde die russische Übersetzung von Serhij Zhadans neuestem Romans Depeche Mode (einem alkoholgeschwängerten Buddyroman), nicht als solche ausgeschildert.

Das "typisch Ukrainische" dürfte nach Kurkows Definition jedenfalls nicht darunter leiden, es zeige sich am Ausdruck und Humor. Dieser sei weniger fatalistisch als der russische, was er mit dem allgemeinen Mentalitätsunterschied begründet: "Russen sind sehr kollektiv und lieben große Gesten, Ukrainer sind egoistischer, europäischer - der größte Feind ist ihr Nachbar." (Georg Horvath, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2008)

Link
www.alte-schmiede.at

Vom 14.-16. 11. findet im Odeon Theater die Veranstaltung "Literatur im Herbst" , die heuer der Ukraine gewidmet ist, statt. Es lesen u. a. Zhadan, Kurkow, Sniadanko, Jurko und Taras Prochasko

  • Das schlafende Wappentier vor dem Lemberger Pulverturm bietet
Symbolcharakter: Der Knall des ersten "echt ukrainischen" Romans lässt
auf sich warten - was die schreibende Zunft frustriert.
    foto: georg horvath

    Das schlafende Wappentier vor dem Lemberger Pulverturm bietet Symbolcharakter: Der Knall des ersten "echt ukrainischen" Romans lässt auf sich warten - was die schreibende Zunft frustriert.

Share if you care.