Ansichten eines Kritikers

7. November 2008, 16:09
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Niederlagen auf höchstem Niveau: Peter Zimmermann und sein Sammelband "Schule des Scheiterns"

Wenn ein ziemlich bekannter Kritiker an einem ziemlich trostlosen Ort wie Wels seine Zeit mit "weitgehend absichtslosem Auf- und Abgehen vor dem für diesen Ort zu groß geratenen ÖBB-Glaswürfel" verbringt, dann lässt das nichts Hoffnungsfrohes erahnen: "Wie immer, wenn es einen in die Provinz verschlägt, packt einen der Zorn auf seine Herkunft, die man einfach nicht von sich abzuschütteln imstande ist.

Es ist, als würde man sich mühsam aus einem Graben hocharbeiten, und wenn man den Rand der Welt endlich erreicht hat, bricht er ab, und man stürzt wieder hinunter auf den Grund seines Unglücks." Sisyphos sei Dank, möchte man sagen, denn das, was Peter Zimmermann aus dem Grund seines Unglücks zu berichten weiß, ist konkret genug, um den Doderer'schen "Leimkübel Kindheit" in seiner unerbittlichen Klebrigkeit zu beglaubigen und, um es mit Max Jacob zu sagen, hinausgerückt genug, um den bloßen Erfahrungsbericht in das überzuführen, was gemeinhin Literatur genannt wird.

Und die Schilderungen jener Situationen, in denen wir bei, mit und trotz all unserer Weltläufigkeit nichts ausrichten gegen die gnadenlos-grausamen Attacken des Alltäglichen, gehören zweifellos zu den eindrücklichsten Passagen im Universum des Weltbeobachters Zimmermann. Freilich handelt es sich bei gesammelten Kolumnen nicht zwangsläufig um Literatur, aber die Kolumne ist von der potenziellen Attestierung von Literarizität nicht grundsätzlich ausgeschlossen, so wenig wie der Schmunzler, oder - Zitat Zimmermann - "haben Sie je einen fehlerfreien Artikel im Standard gelesen? Eben." Überdies wäre eben zu fragen, was den ansonsten so handzahmen "Ex libris" -Moderator nötigt, seine scharfe Klinge auf den Webauftritt von Ö1 auszulagern, zumal der geschätzten Kulturfrequenz etwas mehr Wagemut gut anstünde.

Adios Amigos

Gerne hätte der geneigte Leser etwa den im Buch abgedruckten Text "Adios Amigos!" , in dem Zimmermann mit der Verhaberung heimischer Autoren, namentlich Daniel Kehlmanns angeblichem Gefälligkeitsgutachten im Spiegel für Thomas Glavinics Roman Die Arbeit der Nacht, hart ins Gericht geht, auch über den Äther vernommen.

Um es klar zu sagen: Es geht hier nicht um Parteinahme oder Lieblingsfeindschaften. Es geht vielmehr um den erfreulich-unerfreulichen Umstand, dass diese klugen Texte eines streitbaren Kritikers ihre (gedruckte) Veröffentlichung einem engagierten Kleinverlag verdanken. Bleibt zu hoffen, dass die Publikation zum Anlassfall einer Debatte gerät, die in Deutschland längst geführt, in Österreich bestenfalls zitiert wird: "Was nicht passt, wird passend gemacht, lautet die oberste Maxime zeitgenössischer Literaturkritik, d. h.: Sie gleicht das Manko der Literatur aus, gelegentlich hermetisch, langatmig, langweilig zu sein, indem sie auf möglichst unterhaltsame Weise über Hermetik, Langatmigkeit und Langeweile referiert. Der heitere und mitunter auch clowneske Kritiker übersetzt die Komplexität des literarischen Textes in die einfach gestrickte Medienwirklichkeit." Dem traurigsten Clown gebührt von jeher der meiste Applaus. Bravo, Clown, bravissimo, Zimmermann! (Josef Bichler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2008)

Peter Zimmermann, "Schule des Scheiterns". € 19,80 / 204 Seiten. Czernin, Wien 2008.

Hinweis:
Am 11. 11. um 20 Uhr wird im Filmhaus Kino Spittelberg, Spittelberggasse 3, 1070 Wien, der besprochene Band präsentiert. Unter anderem mit einem Gespräch Peter Zimmermanns mit Franz Schuh über Literaturkritik.

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