Deutschlands Theaterlandschaft vor dem "Kahlschlag"?

28. Februar 2003, 20:02
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Kommissionsbericht zur "Zukunft von Oper und Theater in Deutschland" macht mulmige Gefühle

Wien - Der Kommissionsbericht zur "Zukunft von Oper und Theater in Deutschland" zeichnete im Dezember ein erschreckendes Bild: In den vergangenen zehn Jahren wurde jeder achte Arbeitsplatz an deutschen Theatern und Opern abgebaut, insgesamt mehr als 5.500 von 45.000 Stellen. In Hamburg warf Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher, von der Finanzmisere genervt, das Handtuch, in Berlin schwelt die "Opernkrise" weiter, in Köln warnte die Kulturdezernentin vor einem "Kahlschlag für die nächsten Jahrzehnte" - in den vergangenen Wochen häuften sich die Hiobsbotschaften aus Deutschland. "Dort ist die Situation viel dramatischer als in Österreich", meint Peter Nebel, seit 13 Jahren Verwaltungsdirektor der Grazer Bühnen und Generalsekretär des österreichischen Theaterhalterverbandes.

Bei einer hochkarätigen Diskussion im Tanzquartier Wien wird morgen, Samstag (16 Uhr), "Über die Schwierigkeiten innovativer Kulturarbeit in der 'neuen Effizienzkultur' " diskutiert. Aus Frankfurt werden die österreichische Leiterin des Schauspiels, Elisabeth Schweeger, und der renommierte Ballettchef William Forsythe erwartet. In Frankfurt wurde bereits die legendäre Avantgardebühne TAT (Theater am Turm) zugesperrt, dem Ballett sollten die städtischen Subventionen ab Herbst 2004 um 80 Prozent gekürzt werden. Forsythe löste das Ballett daraufhin auf. "Die Stadt Frankfurt massakriert die Kultur", kommentierte die "F.A.Z." die Sparpläne, die auch Museumsdirektoren reihenweise in die Flucht trieben.

Gekürzte Budgets

Länder und Kommunen, in Deutschland Hauptträger der Kultur-Institutionen, reduzieren auf Grund sinkender Steuereinnahmen ihre Kulturausgaben teilweise drastisch. In ganz Deutschland sind im Jahr 2002 laut einem Bericht des Arbeitskreises Kulturstatistik insgesamt rund 8,3 Milliarden Euro in den öffentlichen Kultursektor geflossen, 2,9 Prozent weniger als 2001. Während die Bundeskultur auf 844 Mio. Euro stieg (ein Plus von 2,5 Prozent), gingen die Kulturhaushalte der Länder um 4,8 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro zurück.

Am stärksten musste Berlin seinen Kulturhaushalt zurückfahren. Dort wird die latente Opernkrise nur durch Einspringen der neuen Bundeskulturstiftung zu lösen sein. Neue Strukturen sollen die Subventionen senken, auch ein Abbau von rund 300 Stellen an den Opern- und Theaterhäusern ist geplant. Und während in Berlin auch die Besucherzahlen um 74.000 auf 2,8 Millionen zurückgehen, machte Finanzsenator Thilo Sarrazin für den "Kulturgenuss, der nicht gerade die breite Masse erreicht" bereits eine einfache Rechnung: Während jeder Berliner Opernbesucher mit fast 160 Euro subventioniert wird, benötigen Münchner Opernfans nur 103 Euro Zuschuss pro Karte. "Das muss nicht sein", meint der Senator.

... und in Österreich

Besucher der beiden großen Wiener Opernhäuser kommen dem österreichischen Steuerzahler billiger: 94,4 Euro beträgt der Zuschuss pro Karte, der Eigendeckungsgrad beträgt in der Staatsoper einmalige 44 Prozent, in der Volksoper immerhin noch 22 Prozent. Dennoch haben die Österreichischen Bundestheater ein Problem, dessen Lösung immer dringlicher wird: Mit ihrer Ausgliederung in GmbHs wurde ihr Bundeszuschuss in der Höhe zwar gesetzlich festgeschrieben, gleichzeitig aber auch eingefroren.

Seit 1995 beträgt die Basisabdeckung des Bundes gleich bleibende 133,6 Mio. Euro. Das Auffangen der Tariferhöhungen des Personals aus den Theaterbudgets bedeutet eine ständige Verringerung jener Gelder, die in die eigentlichen künstlerisch-kreativen Tätigkeiten fließen. Im laufenden Kalenderjahr habe man einen Mehrbedarf von 7,27 Mio. Euro, rechnete Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer kürzlich vor, ab 2004 müsse man in ein begleitendes Bezugserhöhungssystem aufgenommen werden, das die laufenden Steigerungen der Personalkosten auffange.

"Ohne Anpassung ist ein Theater mittelfristig nicht zu führen"

Dieses Problem ist an den meisten deutschsprachigen Bühnen wohl bekannt. In Hamburg waren die Subventionen für die Staatstheater seit 1994 eingefroren, die Bühnen machten Schulden oder mussten Produktionen streichen. Dazu haben viele deutsche Theater nur geringe Einflussmöglichkeit auf die Bezüge ihrer Angestellten, die meist als öffentlich Bedienstete direkt den Kommunen unterstellt sind. "In Österreich haben die Theater in der Regel viel größere Autonomie", sagt Peter Nebel. In Weimar startete im November ein umstrittenes Theatermodell, mit dem dieser Raubbau an der künstlerischen Substanz gestoppt werden soll: Kernpunkt ist der Verzicht auf Tarifsteigerungen bis zum Jahr 2008 bei gleichzeitiger Arbeitsplatzsicherung.

"Ohne Anpassung ist ein Theater mittelfristig nicht zu führen", betont Nebel. Das ausverhandelte, aber noch nicht beschlossene GmbH-Modell, das für die Grazer Bühnen wahrscheinlich ab der Saison 2004/05 gelten wird, sieht bereits eine laufende Valorisierung um den Verbraucherpreisindex vor, mit dem Tariferhöhungen aufgefangen werden können. "Das halte ich für absolut notwendig", meint Nebel, der damit - vorausgesetzt der Entwurf wird beschlossen - eine Planungsgrundlage hätte, von der seine KollegInnen nur träumen können. "Wir waren in den vergangenen Jahren nicht einmal gedeckelt, sondern haben de facto einen jährlichen Subventionsrückgang von zwei Prozent zu verkraften gehabt", schildert Susanne Scharnhorst, die kaufmännische Direktorin des Salzburger Landestheaters, die Lage an ihrem Haus.

"Man kann nicht alle Wünsche erfüllen"

In Salzburg folgt 2004/05 Peter Dolder auf den langjährigen Intendanten Lutz Hochstraate. "Der neue Intendant hat weniger Geld zur Verfügung als der alte", meint Scharnhorst und verweist auf die gleichzeitig steigenden Personalkosten: "Die Schere geht kontinuierlich auf." Freilich gäbe Salzburg relativ viel Geld für Kultur aus, dies komme aber besonders den Festspielen zugute. "Natürlich ist es in Deutschland schlimmer, denn dort sperren sie wirklich Theater zu", sagt Scharnhorst, "mit dem Geld, das wir bekommen, kann man gutes Theater machen, kein Zweifel, aber man kann nicht alle Wünsche erfüllen." Immer weniger Geld bedeute, dass man sich letztlich ein neues Bespielungskonzept überlegen müsse.

Fast überall sei zu beobachten, dass die Kulturpolitik, die ernsthaft an der Förderung der neuen Künste und Künstler arbeiten sollte, "immer mehr durch eine Politik ersetzt wird, die mit Hilfe von Events die touristische Attraktivität der Stadt steigert", warnt die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss. "Die Kunst den Populisten?" lautet der Titel der morgigen Diskussionsveranstaltung im Tanzquartier - und wohl auch eine Frage, die sich in Theater- und Operndirektionen in Deutschland und Österreich noch häufig stellen wird. (APA)

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