Der Fluss der Geschichte

28. Februar 2003, 10:50
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Ilse Aichingers 61. unglaubwürdige Reise

Hier ist die Donau jung und Österreich noch fern", schreibt Claudio Magris beruhigend über Ulm. Und Martin Zeiler, ein Ulmer "Wahlbürger" im 17. Jahrhundert, schlägt vor, vor der Abreise nach Ulm "sein Testament zu machen". Als mich 1950 Inge Scholl einlud, nach Ulm zu ziehen und bei ihren Eltern, denen von Sophie und Hans Scholl, zu leben, dachte ich nicht daran: endlich kein Österreich.

Die frühesten Reisen die Donau entlang in Richtung Ulm gingen nach Linz. Und die ersten Linzer Spaziergänge mit der schwer schizophrenen Linzer Kinderfrau Emma Schrack endeten oft an der Mauer der Linzer Landesirrenanstalt, aus der man sie vorzeitig entlassen hatte.

Man konnte die Irren durch Risse in der Mauer sehen. Sie sahen freundlicher aus als die meisten anderen und viel geduldiger als Emma Schrack, die oft mit dem Wachmann drohte. Ihr Blick glich dem der Mutter Hitlers: hell, glasig, entschlossen und quer durch. Wenn sie abends ausging, war der Schrecken vorbei, der Freinberg, der Pfennigberg, die Donau linderten die Spuren der Klammergriffe. Durch die hellen Türritzen drangen noch lang die Stimmen von Gästen, auch die von Ernst Koref, dem sozialdemokratischen Bürgermeister von Linz, oder die vom Chefarzt der Kinderklinik, Primarius Reiss. Noch lange nach seinem Tod sahen wir seinen Namen auf Plakaten: "Primarius Dr. Fritz Reiss Kindernahrmittel". Meine Schwester und ich bekamen sie nicht und dachten jeden Abend an den Schmiss unter seinem linken Auge.

Im Krieg sah ich im Wartezimmer eines Zahnarztes im 3. Bezirk viele "mögliche Schädelformen", etwas dilettantisch gezeichnet, dunkel gerahmt. "Dinarische Schädel" schien der Zahnarzt zu bevorzugen. Ich erinnerte mich an den Linzer Primarius Reiss und seinen - nahm man diese Zeichnungen ernst - exemplarisch dinarischen Schädel. Gleich nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bekam seine Mutter die Vermisstenanzeige. Sie hatte uns einmal zum Tee in ihr Pötzleinsdorfer Haus eingeladen, da kam der Primarius unvermutet die Treppen herauf, und wir, nicht arisch genug, mussten hinuntergehen.

Als wir, nach der Scheidung der Eltern in Linz 1927, endgültig zu unserer Großmutter nach Wien fuhren, kam Österreich auf andere Weise nahe, aber die Donau rückte in die Ferne, Wien liegt nicht an der Donau. Nur aus der Küche konnte man nach Osten schauen, in Richtung zu den Friedhöfen und zur Donau. Aber erreichbar wurde sie erst wieder, als die Bomben auf Wien fielen und die wenigen Schwimmbäder in der Stadt einstürzten. Wenige Straßenbahnen fuhren noch, auch die zur "großen Donau". Sie war reißend und erlösend - wie die langhaarigen Jungen, die dort badeten, "Schlurfs" genannt und ebenso vogelfrei wie wir.

Heute, endgültig in Wien, müsste man neue Methoden finden, um die reißenden Stellen von damals wieder zu erreichen. (DER STANDARD, Printausgabe 28.02.2003)

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