Wo Bürgermut kein Wanken kennt

3. März 2003, 19:43
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28.2.2003 - Fahr hin, du ruhmreiches christliches Abendland! Nimmer wirst du auferstehen, nachdem der scheußliche Drache Rechtschreibreform ...

... deinen wackersten Recken mir nichts, dir nichts aufgefressen hat, als verspätetes Appetithäppchen ohne Furcht und Tadel. Nun, wo uns der Chefredakteur der relaunchten "Presse" die Vielfalt in einem Brennglas zu servieren verspricht, kann sich der Wind im Wasserglas wieder legen, soll dies doch - Relaunch total! - auf Basis der auch schon nicht mehr neuen Orthographie geschehen. Woran können der Herr Hofrat und sein Leopold noch glauben, von gewöhnlichen Sterblichen einmal ganz abgesehen?

Niemals hätte ein Don Quichotte seine hehren Ideale preisgegeben, nur weil sich die Zeitläufte so ändern, wie stets vorherzusehen war. Die neue "Presse" wird auch zu neuen Schreibweisen führen, die in wichtigen Teilen (nicht etwa bei den Beistrichregeln) die neue Rechtschreibung übernimmt. Umfragen zeigen, daß nahezu schon die Hälfte der Leser einen solchen Wechsel wünscht, auch viele Eltern und Lehrer wollten ihren Kindern eine neue Rechtschreibung vorlegen, begründete der Chefredakteur Mittwoch in seiner Ankündigung des Relaunches den Rechtschreibrelaunch.

Dass auf die Lehrer heutzutage kein Verlass mehr ist, bestreitet ja nur noch deren Gewerkschaft, aber dass es um die Leser-Unterberger-Bindung bei der "Presse" auch schon so schlecht bestellt ist, ist erschütternd.

Eine teure Sinnlosigkeit in elf Punkten, hat er noch im Juli 1998 das neue Regelwerk verteufelt, und seine Vorreiterrolle im deutschen Sprachraum dabei nicht verheimlicht. Die Kritikpunkte haben ganz im Gegenteil in der heftigen Diskussion, die das Nein der "Presse" zur Reform ausgelöst hat, noch an Kontur gewonnen. Ganz Germanophonien sollte verzückt an Unterbergers Inquisitorenlippen hängen: Das wichtigste Argument aber, weshalb der Protest gegen die Rechtschreibreform auf Dauer Sinn hat: Sie ist zum Symbol für die österreichische (und deutsche) Hauptkrankheit geworden, nämlich für eine krankhafte Überregulierung. Als ob die alte Rechtschreibung Anarchie pur gewesen wäre. Jeder Protesttag ein Gewinn, war Unterbergers Losung, denn der Protest wird abschreckende Wirkung auf die Politiker haben. Jegliches Erbarmen war ihm fremd: Die drohende Sinnkrise einiger beamteter und wissenschaftlicher Pädagogen werden wir in Kauf nehmen können.

Ein Jahr später hatte die Sinnkrise ihn erfasst. Auch wenn die Reform der Schulbücher kaum noch rückgängig zu machen ist, so hat der von der "Presse" und vielen anderen erhobene Protest dennoch für die Zukunft Sinn: als warnendes und abschreckendes Zeichen des Bürgermuts gegen eine regulierungswütige Obrigkeit. Als sich die Obrigkeit vom Bürgermut schürenden Andreas Unterberger hartnäckig unbeeindruckt zeigte, war Trost gefragt. Der einzige Trost für den Durchschnittsbürger: Die alte und die offizielle neue Schreibweise wie auch die diversen privaten Regelwerke unterscheiden sich nicht so heftig, daß es im Alltag wirklich große Probleme machen würde. Alles nur viel Lärm um nichts?

Das Abendland will einfach von Unterberger nicht orthografisch gerettet werden, aber das Rettersyndrom lässt sich nicht ohne weiteres abstellen. In dieser Gefahr musste irgend etwas Rettendes wachsen. Der bürgerliche Ungehorsam der "Presse" und vieler Schriftsteller habe auch im nachhinein sehr viel Sinn gehabt: Den Bürokraten in den diversen Ministerien ist absolut die Lust vergangen, die deutschsprachige Menschheit gleich wieder mit den Vorbereitungen der nächsten Reform zu ärgern. Auch diesmal dürfte der bürgerliche Ungehorsam der "Presse" ohne viel bürokratisches Aufsehen verpuffen, wenn man bedenkt, dass die vorige Rechtschreibreform ungefähr ein Jahrhundert lang gehalten hat.

In der ersten Ausgabe des relaunchten Fachblattes für bürgerlichen Ungehorsam fand dessen Musikkritiker Schuldige an der Reform gar in der Europäischen Union. Die neue Rechtschreibung halte ich für einen diktatorischen Akt weniger EU-Beamter gegenüber der restlichen deutschsprachigen Welt. Vielleicht gar eine am Quai d'Orsay gesponnene Intrige? Egal, nun will er nicht länger für ein Relikt des vorigen Jahrhunderts gehalten werden. Das Faktum, dass (!) man sich, a propos Stängel, aufgefordert fühlt, das Schreiben doch mit logischem Denken zu junktimieren, ist vielleicht a priori nichts Schlechtes.

Schaden kann 's a posteriori jedenfalls nicht, auch wenn man damit dem Chefredakteur in den Rücken fällt. Und der Relaunch lässt hoffen, wird doch versprochen: Wir machen Ihnen nichts mehr vor. Wir ersparen Ihnen das Gesäusel über unser ehrliches Bemühen, stets das Beste für unsere Leser zu wollen.

Danke, Kollegen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2003)

Von Günter Traxler

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    foto/grafik: derstandard.at
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