"Ökologisch verträgliche Wasserkraft, aber mit Augenmaß"

9. November 2008, 23:33
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Martina Prechtl, Geschäftsführerin des Vereins Kleinwasserkraft Österreich, im derStandard.at-Interview über Rahmenbedingungen und sich widersprechende EU-Richtlinien

"Klarere Spielregeln" bei den oft mühsamen Genehmigungen von Kleinwasserkraft-Anlagen wünscht sich Martina Prechtl, Geschäftsführerin des Vereins Kleinwasserkraft Österreich, im derStandard.at-Interview. Warum sie mit dem Ökostrom-Gesetz in seiner jetzigen Form im großen und ganzen zufrieden ist und wieso sie zu den neuen Gaskraftwerken, die in Österreich gerade gebaut werden, nicht viele Worte verlieren will, das erfuhr Martin Putschögl.

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derStandard.at: Der Verein Kleinwasserkraft Österreich hat rund 1.000 Mitglieder. Sind das tatsächlich alles Kraftwerksbetreiber?

Martina Prechtl: Unsere Mitglieder sind zu einem Großteil Kleinkraftwerksbetreiber, aber auch Planungsbüros und Zivilingenieure, die in diesem Bereich tätig sind, sowie die Zulieferindustrie. Wenn wir von den Kleinkraftwerksbetreibern sprechen, die bei uns Mitglied sind, dann sind das großteils Privatunternehmen, aber auch Landesenergieversorger, die Kleinwasserkraftwerke betreiben, sind bei uns Mitglied.

derStandard.at: Derzeit werden in Österreich rund 38 Terawattstunden (TWh) Strom aus Wasserkraft produziert. 5,5 TWh stammen aus Anlagen mit einer Leistung von unter 10 Megawatt (MW), dies entspricht dem halben Jahresverbrauch der heimischen Haushalte. Wie sieht denn eigentlich die Kundenstruktur der Kleinwasserkraftbetreiber aus?

Prechtl: Es gibt in der Regel kein direktes Kundenverhältnis zwischen den Kraftwerksbetreibern und den Endverbrauchern. Zum Teil stehen die Anlagenbetreiber in einem Vertragsverhältnis mit der OeMAG (konzessionierte Ökostromabwicklungsstelle, Anm.) bzw. haben sie Verträge mit Stromhändlern am freien Strommarkt - das sind eben die verschiedenen Landesgesellschaften, aber es gibt auch freie Stromhändler in Österreich. Über die geht der Strom an die Endkunden. Die Versorgung läuft über die allgemeine Infrastruktur: Die 2.400 Kleinwasserkraftwerke speisen ins öffentliche Netz ein, und über dieses gelangt der Strom dann zu den Abnehmern.

derStandard.at: Könnte man viele ihrer Mitglieder sozusagen auch als "Nebenerwerbs-Stromproduzenten" bezeichnen?

Prechtl: Ja, unsere Mitglieder haben teilweise zum Beispiel Gewerbebetriebe die mit dem eigenen Strom aus dem Kraftwerk heraus versorgt werden oder sonstigen Eigenverbrauch. Manche haben auch ein eigenes kleines Versorgungsnetz.

derStandard.at: Die E-Control hat heuer ein "Konjunkturpaket" für nachhaltige Energieversorgung gefordert. Wie groß sehen Sie denn das bestehende Potenzial für die Wasserkraft in Österreich?

Prechtl: Wir haben im vergangenen Jahr im Rahmen des "Masterplans Wasserkraft" wieder einmal eine Abschätzung erstellt. Diese hat ergeben, dass in der Wasserkraft mittelfristig insgesamt noch 13 Terawattstunden an technisch-wirtschaftlichem Potenzial schlummern, zwei TWh davon im Bereich der Kleinwasserkraft.
Das größte Potenzial besteht in Westösterreich, dort bietet sich das aufgrund der Topographie einfach an. Richtung Osten hin gibt es ein Gefälle. Im Burgenland ist zum Beispiel das Potenzial vergleichsweise klein, dort gibt's auch den geringsten Bestand an Kleinwasserkraftwerken.

derStandard.at: E-Control-Chef Walter Boltz hat unlängst auch im derStandard.at-Chat von dem "mittleren Potential für zusätzliche Wasserkraft in Österreich" gesprochen, es müssten dafür allerdings die Länder aktiv werden. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Bundesländern?

Prechtl: Wir haben derzeit leider das Problem, dass die Genehmigungsverfahren oft sehr schwierig sind. Vor allem auf der Seite des Naturschutzes gibt es starke Widerstände. Und wenn es etwa um das Thema "Landschaftsbild" geht, sind die Einschätzungen immer sehr subjektiv, ob etwas schön oder nicht schön ist. Es wären klarere Spielregeln hilfreich, damit Genehmigungen nicht so lange blockiert werden können. Hier sind sicher auch die Länder gefordert.

derStandard.at: Zur Ambivalenz zwischen Umwelt- und Energiefragen: "Ökologische Begleitmaßnahmen" wie etwa Fischwanderhilfen können ja oft sehr teuer sein. Sehen Sie die Gefahr, dass viele der so genannten "Nebenerwerbs-Stromproduzenten" dadurch die Stromproduktion einstellen könnten?

Prechtl: Das österreichische Wasserrecht macht eigentlich schon sehr lange entsprechende Vorgaben zu Restwasser und Durchgängigkeit, aber vor allem im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie - durch die auch in bestehende Rechte eingegriffen wird - kommen sehr viele weitere Verpflichtungen auf die Kleinwasserkraft-Betreiber in Österreich zu - etwa die angesprochenen Fischwanderhilfen zu bauen oder eine entsprechende Restwassergabe für bestehende Anlagen. Durch Letztere haben wir Einbußen in der Energieproduktion, daneben besteht auch Investitionsbedarf für die Schaffung der Fischwanderhilfen.
Wir stehen zur Umsetzung von ökologisch verträglicher Wasserkraft. Aber man muss das mit Augenmaß machen. Auf der Investitionsseite sprechen wir uns dafür aus, dass es entsprechende Programme gibt, die Maßnahmen zur Schaffung der Infrastruktur zur Ökologisierung der Wasserkraft unterstützen.
Es besteht natürlich die Gefahr, dass es für manche Betreiber wirtschaftlich nicht mehr tragbar wird, wenn nicht entsprechend sensibel vorgegangen wird. Vor allem was das Restwasser anbelangt muss das richtige Maß gefunden werden, um nicht übervorsichtig überschießende Maßstäbe anzulegen. Auf der anderen Seite glauben wir auch, dass es eine kompetente Begleitung und Beratung geben muss, damit keine Fehlplanungen bzw. Fehlinvestitionen entstehen und Win-win Situationen für Gewässerökologie und Energiewirtschaft geschaffen werden können. Oberösterreich ist ein gutes Vorbild, hier hat es eine entsprechende Beratungsaktion gegeben. Im Rahmen von kompetenten Beratungen soll abgeklärt werden, welche Möglichkeiten man in Sachen Effizienzsteigerung alter Anlagen hat, damit man drohende Verluste abpuffern bzw. überkompensieren kann.

derStandard.at: In Österreich werden jetzt neue Gaskraftwerke gebaut, was von der Alternativenergie-Szene heftig kritisiert wird. Wie sehen Sie diese Ambivalenz Energiesparen versus Mehrverbrauch?

Prechtl: Ich glaube, für einen Umstieg auf ein nachhaltiges Energiesystem braucht es mehrere Säulen: Ganz wichtig ist natürlich die Seite des Energiesparens. Vor allem im Raumwärmebedarf gibt es da sehr hohes Potenzial. Sicher ist auch im Strombereich etwas möglich, aber da ist das Potenzial nicht so hoch. Wir hatten bisher immer einen Anstieg im Stromverbrauch, und wir beobachten eine Verlagerung der Energieanwendungen von Wärme zu Strom. Beispielsweise braucht die Regelungstechnik im Passivhausbereich Strom, oder manche propagieren als die umweltfreundliche Mobilität Elektroautos, vorausgesetzt der Strom dafür ist "öko". Einsparungen auf der einen Seite bedingen also eine Verlagerung auf die Stromanwendung.
Ganz allgemein ist für ein nachhaltiges Energiesystem natürlich aber auch der Umstieg auf regenerative Ressourcen nötig. Es braucht also beides parallel: Die Einsparung und den sukzessiven Umstieg auf die Erneuerbaren, damit wir uns zum nachhaltigen Energiesystem hin entwickeln können.
Zu den Gaskraftwerken möchte ich gar nicht zu viele Worte verlieren. Wir arbeiten mit dem Rohstoff Wasser, der nicht diesen Preisschwankungen unterliegt wie Gas. Wasserkraft ist also ein Garant für langfristige Preisstabilität, und Wasserkraft ist zudem CO2-frei, was das Gaskraftwerk nicht ist.

derStandard.at: Mit dem Ökostromgesetz sind Sie jetzt relativ zufrieden?

Prechtl: Wir sind mit dem, was im Gesetz steht, jetzt einmal zufrieden, weil nun in der Investitionsförderung auch berücksichtigt wurde, dass es für Investitionen unterschiedliche Voraussetzungen gibt. So können kleinere Anlagen höhere Förderquoten erzielen als größere. Es wurde auch berücksichtigt, dass der Aufwand in der Förderabwicklung für kleinere Anlagen ein geringerer sein muss, als für größere Anlagen. Natürlich hätten wir uns, vor allem für kleinere Anlagen, für einen gesicherten Mindestpreis ausgesprochen, also in Form eines Tarifs, der entsprechend angehoben hätte werden müssen, um ihn an die jetzigen Investitionsbedingungen und Gestehungskosten anzupassen. Das haben wir nicht geschafft, aber die vorgesehene Investitionsförderung für Kleinwasserkraftanlagen ist gelungen und gut. Wir sind auch besorgt und unzufrieden, dass es so lange dauert, bis das Gesetz wirklich rechtskräftig ist. Es wurde in Österreich beschlossen und auch entsprechend kommuniziert, aber es ist nicht rechtskräftig, weil wir noch abhängig von der Genehmigung durch die EU sind. Diesen luftleeren Raum, den wir jetzt haben, muss man schnellstmöglich füllen.

derStandard.at: Stichwort EU: Sie sind europaweit als Mitglied der "European Small Hydropower Association" (ESHA) und in der "European Renewable Energies Federation" (EREF) recht gut vernetzt. Was erwarten Sie sich von der Politik auf EU-Ebene?

Prechtl: Es gibt zwei EU-Richtlinien, die die Kleinwasserkraftbetreiber betreffen, nämlich die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die gewisse Mindeststandards für die Ökologie der Gewässer vorgibt, und die Erneuerbare-Energie-Richtlinie, die Mindestquoten für die Mitgliedsstaaten vorsieht. In der Handhabung widersprechen sich die beiden manchmal, da braucht es noch mehr Klarheit. Es muss auch anerkannt werden, dass Wasserkraftnutzung ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz ist, und um die Ziele im Bereich der Erneuerbaren Energie zu erreichen. Grundsätzlich steht jetzt auch das EU-Klima- und -Energiepaket ins Haus, wo ein Anteil von 34 Prozent an Erneuerbaren Energieträgern für Österreich in den Raum gestellt wurde. Wir sehen das sehr positiv und als richtungsweisendes Signal auf europäischer Ebene. Wir hoffen aber auch, dass das vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise und Wirtschaftssituation nicht wieder in der Schublade verschwindet. (derStandard.at, 9.11.2008)

  • Martina Prechtl: "West-Ost-Gefälle" beim Potenzial für Kleinwasserkraft in Österreich.
    foto: kleinwasserkraft österreich

    Martina Prechtl: "West-Ost-Gefälle" beim Potenzial für Kleinwasserkraft in Österreich.

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