Lebenslange Haft für fünffachen Axtmörder

7. November 2008, 18:53
100 Postings

Reinhard S. wurde - nicht rechtskräftig - schuldig gesprochen - Er hatte im Mai seine Frau, seine Tochter, seine Eltern und den Schwiegervater erschlagen - Vor Gericht wollte er noch einige Details richtigstellen - Mit Video

Wien - "Da sind ein paar Sachen, die ich so nicht im Raum stehen lassen möchte", beginnt der Angeklagte Reinhard S. sein Schlusswort im Prozess wegen fünffachen Mordes. Und dann beginnt er, gut eine halbe Stunde lang zu dozieren und auszubessern.

"Im psychiatrischen Gutachten sind über 700 Schlampigkeitsfehler - so viel zur Wissenschaftlichkeit", mäkelt er etwa herum. Die Gutachterin "weiß nicht einmal, wie die Tat abgelaufen ist". Viele Details sind ihm wichtig: "Es wurde gesagt, dass die Tochter von den Schreien der Mutter aufgeweckt wurde. Sie war aber schon munter, und es war nur ein Schrei." Auch sei gesagt worden, dass er von Zimmer zu Zimmer geeilt sei, weil seine Opfer geröchelt hatten: "Ich bin nicht geeilt, ich bin gegangen. Erst als ich den Raum betrat, hörte ich das Röcheln."

Punkt für Punkt

Punkt für Punkt geht Reinhard S. seine Notizen durch. Seine Frau habe nicht, wie dargestellt, daheim die Hosen angehabt. Er kritisiert sogar, dass der Staatsanwalt geschrieben hatte, er habe nach den Morden am Wiener Straßenstrich in Wien ein "Mädchen" angesprochen: "Das war eine komplett ausgewachsene Frau."

Als Reinhard S. endlich fertig ist, weist der vorsitzende Richter Wilhelm Mende noch darauf hin, dass "das Schlusswort eigentlich dazu dient, sich noch einmal zu den Taten zu äußern oder ob es einem leidtut". Doch Reinhard S. sagt nichts mehr dazu, dass er am 13. Mai dieses Jahres wegen dem vielen Geld, das er an der Börse verspekuliert hatte, erst in Wien seine Frau und seine siebenjährige Tochter mit der Axt erschlagen hatte, dann am selben Tag mit derselben Axt in Ansfelden seine Eltern und in Linz seinen Schwiegervater.

Reinhard S. sagt nur noch: "Rein rechtlich ist der Paragraf 11 auf mich anzuwenden." Womit er also doch noch auf Unzurechnungsfähigkeit plädierte. So, wie auch sein Verteidiger Ernst Schillhammer "erhebliche Zweifel" am psychiatrischen Gutachten anmeldete, das Reinhard S. zwar eine narzisstische Störung - aber keine Unzurechnungsfähigkeit attestiert hatte.

Gerichtlich beeideter Narziss

Der Angeklagte hatte sich noch beschwert, dass er nun "ein gerichtlich beeideter Narziss und eitel" sei; "unsympathischer kann ich ja nicht mehr werden". Doch dieses Bild hatte zuvor schon Staatsanwalt Michael Radasztics zurechtgerückt - indem er an die Opfer erinnerte, "die nun keine Stimme mehr haben, die sie hier erheben könnten" Die ganze Zeit gehe es nur um die Gefühle, die Gedanken, die Probleme von Reinhard S. Dieser sei "nichts als ein schrankenloser Egoist". Er halte ihn "für einen zutiefst feigen Menschen". Zu feige sei er gewesen, der Familie sein Scheitern einzugestehen; "er hat lieber seine gesamte nahe Verwandtschaft umgebracht, als ihnen die Wahrheit zu sagen".

Michael Radasztics bat die Geschworenen, den Angeklagten zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Anja Oberkofler, die Privatbeteiligtenvertreterin für den Bruder der ermordeten Ehefrau Barbara S., las dann auf dessen Wunsch noch etwas vor. Etwas, das die 7-jährige Tochter Natalie geschrieben hatte, bevor sie mit der Axt erschlagen wurde: "Ich habe meine Mama so lieb, weil sie die Beste ist ... Ich habe meinen Papa so lieb, weil er so lieb ist."

Die Geschworenen folgten schließlich dem Ankläger und verurteilten Reinhard S. zu lebenslanger Haft. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Verteidiger Schillhammer erbat Bedenkzeit.

Reinhard S. hörte nach außen hin emotionslos zu, als Richter Mende erklärte, "ein reumütiges Geständnis konnte das Gericht nicht erkennen", das Urteil erscheine "tat- und schuldangemessen". Auf die Frage, ob er das Urteil verstanden habe, nickte er und ließ sich abführen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 8./9.11.2008)

 

  • Reinhard S. schritt mit einem ganzen Papierstoß zum Schlusswort. Punkt
für Punkt wollte er Details "richtigstellen" - ein reumütiges
Geständnis konnte das Gericht nicht erkennen.
    foto: andy urban/standard

    Reinhard S. schritt mit einem ganzen Papierstoß zum Schlusswort. Punkt für Punkt wollte er Details "richtigstellen" - ein reumütiges Geständnis konnte das Gericht nicht erkennen.

Share if you care.