Lockruf der Sahara

6. November 2008, 19:15
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Über die "Kultur" von Schmiergeld, Einfluss, Terror und Desinformation in Regionen des "Energiekolonialismus" - Kommentar der anderen von Harald A. Friedl

Mein Freund" ist eine in der Sahara übliche Floskel, die lediglich Geschäftsbereitschaft ausdrückt. Zu verschenken hat hier niemand etwas. Man hilft gerne weiter, in Erwartung von Gegenleistung. Diese Kultur der "nachhaltigen Netzwerkpflege" erhält in Gesellschaften mit sozialer Ungleichheit und großen Familienverbänden den sozialen Frieden. Dabei ist Schmiergeld wie außerehelicher Sex: süß, begehrt, illegal, alltäglich, aber tabu.

Darum wurde offiziell auch kein Lösegeld für die Sahara-Geiseln gezahlt. Der Staat muss ja den Nimbus der Unerpressbarkeit pflegen. Warum aber sollte der Staatschef eines armen Landes für die Regierung eines reichen Landes gratis Vermittlungsdienste leisten? Aus Sicht der Menschen Malis wäre dies inoffiziell geradezu unmoralisch dumm. Mali hatte schließlich Kosten - wie auch die Tuareg der Region Kidal im Nordosten Malis, wo Sahara-Geiseln versteckt waren. Diese abgelegene Region war von 1960 bis 1990 militärisches Sperrgebiet. Als den Diktatoren in Mali Ende des kalten Krieges das Geld für die Unterdrückung der Tuareg ausging, rebellierten die Tuareg wiederholt erfolgreich, auch um dringend nötige Wirtschaftshilfe durchzusetzen.

Ihre einzige lukrative Wirtschaftsgrundlage ist Schmuggel von Waffen und Zigaretten nach Nordafrika. Das setzt ausgeprägte Netzwerke voraus, die "geschmiert" werden wollen. Darum auch hier der Bedarf an "Entwicklungshilfe"...

"Bananen-Theorie"

Auch die Entführer hatten Kosten. 252 Tage in der Wüste auszuharren, ist schließlich kein Urlaub. Ein solches Unternehmen kann in einer Welt der Satellit-gestützten Überwachung von Raum und Kommunikation nur mit Unterstützung professioneller Netzwerkes gelingen. Wer aber profitiert von Touristenentführungen? Nach Ansicht der - vom Militär kontrollierten - algerischen Presse soll das Lösegeld der finanziell ausgehungerten saharischen Al-Kaida zugute kommen und somit der Terror fördern...

Wem aber nutzt das große Terror-Spektakel in der Sahara? Der britische Sahara-Politologe Jeremy Keenan und der deutsche Friedensforscher Werner Ruf interpretieren das Gerede von Al-Kaida und Terror sowie die Tourismusentführungen von 2003 als zentrales Propagandainstrument jener Staaten, die über die Kontrolle der regionalen Energiereserven Öl und Gas verfügen bzw. verfügen wollen, allen voran Algerien und die USA.

Algerien verfügt über eine lange Tradition des staatlich inszenierten Terrors mit dem Ziel, die "Gefährlichkeit" der jeweiligen Regimegegner zu "beweisen" und die eigene Brutalität zu legitimieren. Besonders seit dem Wahlsieg der Islamischen Heilsfront (FIS) und dem Militärputsch 1991 waren Terroranschläge durch den algerischen Geheimdienstes (DRS) und deren Zuschreibung an den militärischen Arm der FIS, die GIA (Groupes islamiques armés), gängige Praxis. Darin wurde Mitte der 90er-Jahre sogar Frankreich unter Innenminister Pasqua involviert, um Frankreichs Unterstützung des algerischen Regimes zu erpressen. Seit den explodierenden Ölpreisen verfügen Algeriens Machthaber über enorme Geldeinkommen für Waffenkäufe, um ihre Position zu sichern. Zudem stieg ihre geostrategische Attraktivität als internationaler Partner.

Seit Beginn der Bush-Ära gilt Algerien als wichtiger Partner der USA, die Nord- und Westafrika als zweitwichtigsten Öllieferanten nach dem Nahen Osten betrachten. Seither flossen mehrere Milliarden Dollar an Öl-Investitionen und an Militärhilfe in die Region. Im Jahr 2002 startete die militärische Pan-Sahel-Initiative, offiziell, um Schmuggler und Terroristen in der Sahara zu bekämpfen, inoffiziell, um die Politik und die Zivilgesellschaft der Anrainerstaaten zugunsten der US-Energieinteressen zu beeinflussen.

Als US-militärischer Arm agiert "Africom", die etwa im Jahr 2005 die "Operation Flintlock" durchführte, das größte Militärmanöver amerikanischer Truppen in Afrika seit dem zweiten Weltkrieg, kurz nach einem "Terror-Überfall" auf die abgelegene Militärstation von Lemghity in Mauretanien. Welche ein Zufall!

Terroristenjäger brauchen Terroristen. Erste "Beweise" für eine Al-Kaida-Präsenz in der Sahara - und somit die Einladung ans US-Militär - lieferte der algerische Geheimdienst anlässlich der Entführung europäischer Touristen im Jahr 2003. Aufgrund zahlreicher erdrückender Indizien wird heute davon ausgegangen, dass diese Entführung mithilfe des algerischen Regimes und im Interesse des US-Engagements in Algerien inszeniert wurde.

Die gebetsmühlenartige Beschwörung der "Al-Kaida" versteht Keenan als Ausdruck seiner "Bananen-Theorie", wonach die USA die geographische Ausbreitung des Al-Kaida-Terrors in Form einer Banane behaupten: von Afghanistan über den Irak in die Sahara. Genau dort liegen die vitalen Energieinteressen der USA. Die hier systematisch eingesetzte US-Waffe der Desinformation ist spätestens seit dem Irak-Krieg (Stichwort Massenvernichtungsmitteln, Niger-Uran an den Irak, Al-Kaida im Irak...) bekannt.

Nützliche "Terror-Objekte"

Niemand könnte derzeit die Entführung der Salzburger als Aktion der Geheimdienste nachweisen. Offensichtlich ist aber der Nutzen der Entführung als "Beweis" für die Terror-Propaganda. Für Sahara-Reisende folgt daraus: Wer in Zeiten des Energiekolonialismus allein im prächtigen Allrad durch abgelegene Gegenden gondelt, bietet sich als "Terror-Objekt" geradezu an. Dagegen wurden Reisegruppen in Begleitung lokaler Reiseagenturen Dank deren Netzwerke bisher noch nie entführt ... (Harald Friedl, DER STANDARD - Printausgabe, 7. November 2008)

Zur Person
Harald A. Friedl ist Sahara-Tourismus-Forscher, Autor des jüngst erschienenen Buches "KulturSchock Tuareg" (Reise-Know-How) und lehrt im Rahmen des Studiengangs "Gesundheitsmanagement im Tourismus" an der FH Joanneum in Bad Gleichenberg.

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    Wo es vor Al-Kaida-Kämpfern angeblich nur so wimmelt: Tuareg vor einer alten Moschee in der Nähe von Timbuktu, die US-Spezialtruppen als Trainingscamp für einheimische Polizeieinheiten dient.

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