Zum Teetag

9. November 2008, 15:55
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Herr D. ist ein Missionar - Einer von der ruhigen, angenehmen Sorte: Er weiß, dass man irgendwann reif für seine Botschaft sein wird - Und dann ist er da - D.s Botschaft heißt Tee

Es war vor einigen Wochen. Da nahm mich D. in die Pflicht. Aus Gründen der Gerechtigkeit, wie er sagte. Und natürlich auch ein bisserl, weil es da um sein Geschäft geht. D. verkauft nämlich Tee.

Ich war in einem von D.s Lokalen gesessen und hatte mit D. geplaudert. Weniger über Tee, als über D. und seine Geschichte. Obwohl man das eigentlich nicht trennen kann. Denn D. stammt zum einen aus England und ist zum anderen seit 25 Jahren eine fixe Einrichtung in Wien. Eben weil er Tee verkauft. So jedenfalls könnte man das sagen, wenn man D. beleidigen will.

Mission

Denn D. nur Teehändler zu nennen, wäre eine Gemeinheit. Weil D. mehr tut: Er ist ein Missionar. Allerdings einer von den sanften. Einer von denen, die davon ausgehen, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort schon das richtige erkennen würden und tun werden wollen – und man dann eben da sein muss, um sie aufzufangen, einzusammeln und heim zu bringen.

Darum ist D. auch omnipräsent – aber immer genau einen halben Meter neben dem Zentrum des Geschehens. Das ist gut so – und passt zu D.  ebenso wie zu seinem Produkt: Marktschreierei und Teetrinken funktionieren schließlich nicht zusammen. Obwohl D. das Wort von der Abwarterei des Teetrinkers nicht so gern hört. Weil das dann doch ein wenig zu passiv klingt.

Zwischentöne

Wenn D. über den Tee erzählt, dann ist es gut, Zeit zu haben. Und auf Zwischentöne zu achten. Etwa dann, wenn D. erzählt, dass in seine Lokale immer die richtigen Leute kämen. Oder zumindest fast immer. Und zwar ungeachtet der Orte, an denen die Lokale sind: Sogar in angeblich "tiefen" Shoppingcentern, erzählt D. gerne, sei es auffällig, dass jene Klientel, die er als "unangenehm" empfände, keinen Fuß ins Lokal setzen würde.

Das, betont D., sei auch in den "besseren" Gegenden so. Schließlich sage der Preis der Oberbekleidung und die Dicke des Portemonnaies nichts über die tatsächliche Kultiviertheit eines Menschen aus. Die Wahl seiner Getränke aber sehr wohl.

Wertvolle Kaffeefreunde

An dieser Stelle unterbrach sich D. dann aber selbst: Er wolle damit keinesfalls Kaffeetrinker als weniger wertvolle Menschen klassifiziert wissen. Genauso wenig wie Besucher anderer Lokalitäten. Und er fände auch nicht jeden, der eine Teetasse zum Mund führe, prinzipiell und immer sympathisch, neinnein. Aber dennoch, wiederholte D. dann, sei es schon so, dass der Anteil der unangenehmen Zeitgenossen unter Teetrinkern deutlich niedriger sei, als im gesellschaftlichen Gesamtssample.

Vielleicht, warf ich ein, läge das ja auch an der Verteilung der Präferenzen. Wien gelte ja nicht gerade als die Hauptstadt der Teekultur. D. seufzte leise. Dann referierte er Zahlen. Genau kann ich mich nicht mehr an sie erinnern, aber die Conclusio des Exkurses war, dass die Österreicher sogar dann, wenn man Kräuter- und Früchtetee mit einbezöge, nur einen Bruchteil des britischen Pro-Kopf-Teeverbrauchs (ohne Frucht und Kräuter) zustande brächten. Und auch von den Deutschen um Längen geschlagen würden.

Medienschelte

Schuld daran, sagte D. und zwinkerte mich ein bisserl vorwurfsvoll an, wären auch wir. Die Medien. Also auch ich. Und das, sagte D., könne ich ruhig persönlich nehmen. Schließlich (er hob ganz leicht und vorwurfsvoll die Stimme) hätte ich jüngst ja selbst wieder den Großen geholfen und allein dadurch die Kleinen getreten: Ich hätte anlässlich des "Tags des Kaffees" nämlich über allerlei Kaffee-Festivitäten geschrieben. Und nun, D. lachte, fordere er daher Gerechtigkeit.

Die, setzt er fort, sähe nämlich wie folgt aus: In ein paar Wochen sei "Tag des Tees". Und wenn ich seine Gunst nicht verspielen wolle (D. sagte das natürlich nicht so), dann müsse ich Fairness beweisen – und rund um diesen Tag der Teeszene den Rücken stärken. D. nannte ein Datum. Ich schrieb es auf, gelobte termingerecht großen Einsatz – und hatte den Tag des Tees  natürlich zehn Minuten später wieder vergessen.

Allerdings hatte ich die Rechnung ohne D. gemacht. Denn der weiß ja auch, wie Leute wie ich funktionieren. Deshalb schickte er mir vor ein paar Tagen ein Mail. Zur Erinnerung. Schon deshalb bleibt mir jetzt und hier gar nichts anderes übrig, als nun an D. zu übergeben. Aber weil ich seinen 25-jährigen Einsatz im Dienste des Tees in der Stadt des Kaffees schätze und eigentlich auch davon überzeugt bin, dass Menschen wie D. viel mehr Gehör geschenkt werden sollte, tue ich das nicht nur pflichtschuldigst, sondern sehr sehrgerne.

D. schreibt

"Am 8. November 2008 findet nun schon zum  12. Mal der Tag des Tees statt. Ich erlaube mir dazu einen kurzen Hinweis, weil Sie auch dem Tag des Kaffees eine kleine Story gewidmet haben. Übrigens: den Tag des Tees gibt es um einige Jahre länger."

"Die Teewirtschaft versucht an diesem Tag, die Österreicher zum Tee trinken zu ermutigen. Wir von D. werden am 7. und 8. November an einigen belebten Kreuzungen am Ring Teeproben verteilen lassen und vor der Universität, Dr.-Karl-Lueger-Ring,  haben wir vom 5. bis 7. November einen Teestand mit Verkostung und einem Preisausschreiben aufgebaut. In einigen Wiener Kaffeehäusern wird es am Tag des Tees zu jeder Kanne Tee ein Stück Kuchen kostenlos geben, insbesondere im Café Landtmann und im Café Schwarzenberg, um nur einige zu nennen. Erst kürzlich wurde das Café Schwarzenberg mit dem Goldenen Teeblatt im Gault Milllau ausgezeichnet. Es wird nun das traditionelle Kaffeehaus auch immer öfters der Platz für eine gute Tasse Tee." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 6. November 2008)

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