Die Rückkehr der Milchseen

6. November 2008, 19:08
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Der Liter Milch könnte in den Regalen ab kommender Woche um bis zu zehn Cent und das Viertel Butter um bis zu 25 Cent günstiger werden

Wien - In Österreich entzündet sich eine neuer Konflikt um Lebensmittel, im Mittelpunkt steht einmal mehr die Milch. Denn nach dem Preisauftrieb 2007 legen Handelsketten jetzt den Retourgang ein. Der Liter Milch könnte in den Regalen ab kommender Woche um bis zu zehn Cent und das Viertel Butter um bis zu 25 Cent günstiger werden, ist aus der Branche zu hören. Den ersten Schritt werde Hofer machen. Auch Rewe und Spar verhandeln mit den Molkereien, bestätigen Sprecher beider Ketten.

Der Auslöser des Preisrutsches ist die Rückkehr des Milchüberschusses in Europa. China saugte bisher enorme Mengen ab, doch damit ist Schluss. Nach dem Skandal um Melamin ist den Chinesen der Appetit auf Milch vergangen, bis der Markt neu anspringt, könnten ein, zwei Jahren vergehen, meinen Experten. China hat weiters die eigene Produktion um gut 30 Prozent erhöht. Den darüber hinaus gehenden Bedarf decken die Neuseeländer. Das Volumen ihrer Milchexporte übertrifft jenes der EU.

Europas Bauern haben die Produktion, motiviert durch die überraschend rasant gestiegenen Preise, erhöht. Die Rechnung ging jedoch nicht auf. Viele Konsumenten ließen sich von der Teuerung abschrecken, seit rund vier Monaten sinkt der Absatz.

Ende des Biobooms


In Österreich ist der Verkauf von Biomilch um bis zu 25 Prozent eingebrochen, sagen große Verarbeiter dem Standard. Bei Markenmilch-Produkten gebe es Rückgänge von bis zu 20 Prozent.

Johann Költringer, Chef des Verbands der Milchverarbeiter, berichtet von einem Minus von zwei Prozent für die gesamte weiße und gelbe Palette seit dem Sommer.

Im deutschen Handel sind die Preise dieser Tage um bis zu 20 Prozent gesunken. Ein Liter Vollmilch ist damit um 55 Cent statt um 68 Cent zu haben. 79 Cent kostet der billigste derzeit in Österreich.

Was Konsumenten entlastet, trifft die Molkereien und Bauern ins Mark. Die Verarbeiter haben mit November quer durch Österreich ihre Erzeugerpreise gesenkt und sprechen von weiteren Anpassungen. Der Branche drohen zum einen Aufträge im Export verloren zu gehen, er sorgt für 40 Prozent des Geschäfts. Zum anderen kaufen Österreichs Supermärkte unter dem Druck der Konsumentenschützer, die billigere Lebensmittel fordern, verstärkt im Ausland ein. Rewe etwa bezieht zwei ihrer Buttermarken aus Deutschland und Holland. Spar wirbt für die Eigenmarke S-Budget für zwei deutsche Käsesorten.

Schlange stehende Molkereien

"Deutsche Molkereien stehen bei uns Schlange, wir könnten jederzeit günstiger einkaufen", sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Ihr Konzern lege aber Wert auf Ware aus Österreich. Auch, weil hier die Margen höher seien, betonen Lieferanten.

Werde das deutsche Preisniveau das Mass aller Dinge, drohe in Österreichs Milchwirtschaft scharfer Personalabbau, sind sich die Verarbeiter einig. Die Milch ließe sich hier bedingt durch kleinere Strukturen in Produktion, Verarbeitung und im Handel nicht zu den deutschen Preisen verkaufen.

"Viele Produkte, die bisher aus Österreich kamen, werden dann künftig eben aus dem Ausland geliefert", sagt Josef Braunshofer, Berglandmilch-Chef. Wer günstigere Preise fordere, müsse sich dessen bewusst sein. (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 7.11.2008)

 

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