Herbstlohnrunde: Klarer Fall für eine Reform

6. November 2008, 18:50
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Wenn die alljährlich strapazierte Floskel vom „schwierigen Abschluss“ der Metallerherbstlohnrunde berechtigt ist, dann heuer - Von Luise Ungerboeck

Wenn die alljährlich strapazierte Floskel vom „schwierigen Abschluss" der Metallerherbstlohnrunde berechtigt ist, dann heuer. Noch nie in der Zweiten Republik wurde die Stimmung in Finanz- und Realwirtschaft so apokalyptisch gezeichnet wie seit Ausbruch der Finanzkrise. Bankencrashs im großen Stil konnten zwar abgewendet werden - wie tief das Loch ist, in das die Realwirtschaft fallen wird, wagt aber niemand zu erahnen.

Die zuletzt empfindlich geschrumpften Auftragspolster der österreichischen Gießereien, Stahlerzeuger und -verarbeiter lassen jedenfalls nichts Gutes ahnen - von der Flaute bei Automobilherstellern und Zulieferern gar nicht zu reden. Sie hat es als Erstes erwischt, weil selbst die Deutschen lieber länger mit älteren Schüsseln herumkurven und das Geld für wichtige Dinge des Lebens ausgeben - oder sparen.

Als Exportweltmeister, als die sich heimische Wirtschaftstreibende gern in die Sonne stellen, wird Österreichs Wirtschaft vom Abschwung in den Nachbarländern besonders betroffen sein. Deutschland muss sich auf eine Stagnation einstellen, Italien ist bereits unter Wasser, und in Zentral- und Osteuropa, das die Österreicher mit Traumrenditen verwöhnt hat, brechen einige Staaten unter der Schuldenlast fast zusammen.

Vor diesem Hintergrund ist die Sorge der Unternehmenschefs über steigende Löhne und Gehälter in einer der wichtigsten Branchen in Österreich mehr als berechtigt. Sie müssen explodierende Personalkosten hintanhalten, um von Billiglohnländern nicht abgehängt zu werden. Ihr Gejammere nach dem in der Nacht auf Donnerstag nach mühsamen Verhandlungen zustande gekommenen Metallerabschluss ist aber völlig unangebracht.

Nicht, weil sich immer die am meisten alterieren, die sich selbst nie an den Verhandlungstisch setzen würden. Auch nicht, weil die Gewerkschafter den Konzernen das sprichwörtliche „Weiße" aus den Augen herausgenommen hätten. Das Gejammere ist überzogen, weil die 3,8 Prozent Tariferhöhung, gemessen an der Inflation von 3,4 Prozent, „keine Häuser" darstellen, wie es im Volksmund heißt, und es sich die Betriebe mit Rekordgewinnen leisten können.

Firmen, die bereits tausende Leiharbeiter auf die Straße schicken, profitieren sogar davon, ihr Betriebsergebnis wird steigen - und die Kurzarbeit wird vom Arbeitsmarktservice großzügig subventioniert. Betriebe im steirischen Auto-Cluster werden so doppelt und dreifach gefüttert:_Erst bekamen sie Ansiedlungsprämien, dann Millionen an Forschungsförderung, und nun zahlt Vater Staat auch noch zu den Arbeitskosten dazu.

Ohne die Sorgen kleinreden zu wollen: Maßnahmen gegen (Massen-)Arbeitslosigkeit sind gut und richtig, auch Förderungen. Export allein macht aber auch nicht satt. Das spürt der Handel bereits. Es muss auch die dahinsiechende Binnennachfrage erhalten bleiben. Und an der krankt es in Österreich - im Gegensatz zu den Lohnstückkosten. Wenn von einer Lohnerhöhung nichts übrigbleibt, weil die Steuer alles wegfrisst, ist das ein klarer Fall für eine Lohnsteuerreform, nicht für die Herbstlohnrunde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11.2008)

 

 

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