"Die sehen Österreich als muslimisches Land"

6. November 2008, 18:51
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Nach über acht Monaten Gefangenschaft geben Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner im STANDARD-Gespräch Einblicke in die Gruppe ihrer Entführer und deren radikalreligiöse Motive

STANDARD: Frau Kloiber, Herr Ebner, Sie sind derzeit mit großem öffentlichen Interesse konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Kloiber: Ich denke mir halt, die Menschen wollen wissen, wie es einem dort geht. Es ist acht Monate lang mit vielen Spekulationen berichtet worden, viele fragen sich: Wie war es wirklich? Für mich ist es aber nicht ganz einfach. Ich bin es nicht gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen.

STANDARD: Sie verlangen für Interviews mit anderen Medien 3000 Euro, während Sie vom Standard kein Geld verlangen. Wer soll das Geld bekommen?

Ebner: Es wurden uns von bestimmten Medien Unsummen geboten. Das war so viel, dass sich ein neuer Landrover ausgeht und noch einige zehntausend Euro dazu. Wir sehen das als ungehörig. Es wurde uns von Österreich in einzigartiger Art und Weise geholfen. Aus dem noch Kapital zu schlagen ist ungehörig. Das Geld aus den Interviews soll als minimaler Kostenbeitrag den Österreichern zur Verfügung stehen, also der Regierung übergeben werden. Ohne dass der Eindruck entsteht, wir hätten fahrlässig gehandelt oder wollten damit ein Schuldbekenntnis eingehen.

STANDARD: Die "Salzburger Nachrichten" kommentieren dies als Zeichen schlechten Gewissens. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Ebner: Nein, überhaupt nicht. Wir können uns jeden Tag in den Spiegel schauen.

STANDARD: Wurde Ihnen von österreichischen Behörden im Zuge Ihrer Rückkehr bedeutet, einzelne Details aus Sicherheitsgründen nicht zu erzählen?

Ebner: Wir wurden in keinster Weise gebrieft.

STANDARD: In welcher Form hat sich die Gruppe unmittelbar nach der Entführung deklariert? Als Al-Kaida oder wie?

Ebner: Genau so, als Al-Kaida vom islamischen Maghreb. Wir wussten sofort, um wen es geht.

STANDARD: Haben die Entführer mit Ihnen über ihre Motive gesprochen?

Ebner: Ja, aber nicht politische, sondern rein religiöse. Die Entführer leben in der Zeit kurz nach Mohammed. Sie sagen, das Gesetz Gottes kann nicht durch menschliche Gesetze aufgehoben werden. Die Scharia ist für sie gültig. Der Djihad ist für jeden Muslim obligatorisch, wenn ein Muslim von einem Nichtgläubigen gefangengenommen wird oder wenn Land von einem Ungläubigen besetzt wird. Die sehen Spanien, aber auch Österreich als muslimische Länder. Österreich deshalb, weil ja einst die Türken vor Wien waren. Sie sagen, sie gehen nicht gegen die Bevölkerung vor, die kann konvertieren oder bei ihrem Glauben bleiben, wenn sie Steuern zahlt.

STANDARD: Wie geht es einem, wenn man plötzlich quasi im Mittelalter auftaucht?

Kloiber: Furchtbar. Du bist das als Frau nicht gewohnt. In Österreich, in der EU wirst du als Frau respektiert. Da unten nicht. Du hast abseits zu sein, hast keinen Kontakt. Ich hatte keinen Gesprächspartner, außer Wolfgang.

STANDARD: Die Entführergruppe ist ja militärisch organisiert. Wie hat die Befehlskette funktioniert?

Ebner: Es ist ein absolut hierarchisches System. Der Führer der Sahara-Al-Kaida ist in den Bergen Algeriens und macht die Vorgaben.

STANDARD: Gab es innerhalb der AlKaida-Gruppe Unstimmigkeiten?

Ebner: Ja, als die Schwarzafrikaner aus Nigeria für uns Partei ergriffen haben, intern unsere Freilassung gefordert haben. Das war im August oder September.

Kloiber: Es dauerte schon zu lange.

Ebner: Die Nigerianer haben das so aufgefasst, dass es nur ums Geld geht. Es sei daher Unrecht, dass wir gefangen sind. Da haben wir gemerkt, dass es zwischen der algerischen Führungsgruppe und den Nigerianern zu Diskussionen gekommen ist. Die Algerier haben sie dann aufgrund ihrer Position aber wieder auf Linie gebracht.

STANDARD: Wissen Sie etwas über den sozialen Hintergrund Ihrer Geiselnehmer?

Kloiber: Die Entführer waren zum Teil erst 15- bis 17-jährige Buben. Einer davon dürfte im religiösen Wahn sogar seinen Vater umgebracht haben. Andere wieder hatten eine sehr gute Schulbildung.

Ebner: Da waren einige aus der Westsahara - ohne Zukunft. Sie sind als Kinder nach Spanien zum Stehlen verkauft worden. Die kommen dann zurück und lernen in der Koranschule und werden plötzlich geliebt, haben plötzlich eine Perspektive. Wir haben uns gedacht, dass es schon problematisch ist, weil sie dort nur unter Männern leben. Es wurde uns auch bestätigt, dass sie sexuelle Probleme haben. So wurden von der Führung lange Haare und Kajal untersagt.

Dann gibt es dann die Gruppe der Hochgebildeten, der Universitätsabbrecher, die nie Kontakt zu einer Frau gehabt haben, immer in Koranschulen waren. Sie dürfen keine Frau ansehen, müssen wegschauen. Sie haben keine Ahnung, wie eine Frau gebaut ist. Dann gibt es die Gruppe derjenigen, die Familie gründen und nicht wissen, wie kann ich meine Frau ernähren. Die kommen, hier geht es ihnen gut, die Familien werden dafür zu Hause versorgt. Das ist Söldnertum. Alle sind aber der Meinung, der Djihad ist obligatorisch.

STANDARD: Wie haben Sie die ersten der Befreiungsversuche mithilfe der Gaddafi-Stiftung miterlebt?

Ebner: Kaum, wir wissen jetzt, was in etwa gelaufen ist. Es ist uns nur einmal von Verhandlungen erzählt worden. Wir wussten von einem Ultimatum, aber nicht, dass mit unserer Tötung gedroht worden ist. Anfang Mai hat es geheißen, die Probleme sind gelöst, soweit ist es aber nicht gekommen. 20 Tage später durfte ich mit meinem Sohn Bernhard telefonieren.

STANDARD: Warum ist jetzt Ende Oktober die Befreiung gelungen?

Ebner: Ein glücklicher Umstand war, dass die Versorgung der Mudjahedin gekappt worden ist. Vorher haben sie sich sicher gefühlt. Entscheidend war, dass im nördlichen Mali die bürgerkriegsähnlichen Zustände mit einer Einigung geendet haben. Die Tuareg-Rebellen waren es, die uns geholt haben. (Thomas Neuhold, DER STANDARD - Printausgabe, 7. November 2008)

Zu den Personen
Andrea Kloiber (43) ist Krankenpflegerin, Wolfgang Ebner ( 52) Steuerberater. Sie leben in Hallein.

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    Die ehemaligen Sahara-Geiseln Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner wollen einen kleinen Kostenbeitrag zu ihrer Rettung beitragen. Als Schuldbekenntnis wollen sie dies nicht gewertet wissen.

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    Die ersten Schritte in Freiheit nach zermürbenden 252 Tagen in Geiselhaft im Norden Malis. Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner bedanken sich auch beim Präsidenten von Mali, Amadou Toumani,
    für die Hilfe seiner Diplomaten und Behörden.

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