Schuleschwänzen geht nicht mehr

6. November 2008, 18:25
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Chicagos Ghetto Altgeld ist von Bandenkriegen und Arbeitslosigkeit geprägt - Nach dem Sieg von Obama fliegen die Hoffnungen besonders hoch, schließlich war er dort Sozialarbeiter

Tajae Jackson zieht einen Zettel aus der Innentasche ihres Anoraks und zeigt ihn so stolz vor, als wäre es ihr liebster Talisman. Die Granny, ihre Großmutter, hat ihr den Zettel geschenkt. Die bekam ihn am 4. November im Wahllokal, als Bestätigung, dass sie abgestimmt hatte. Nun gehört Grannys Schatz der sechsjährigen Tajae, die ihn hütet wie ihren Augapfel.
Es ist drei Uhr Nachmittag in Altgeld, der Siedlung Barack Obamas, dem Ghetto, in dem der Senator, der bald ins Weiße Haus ziehen wird, 1985 als Sozialarbeiter anfing. Vor einem Waschsalon rauchen Jugendliche, ein Mittvierziger mit glasigen Augen lehnt an einer grauen Mauer. „Wie heißt der Präsident, Tajae?", fragt Steve Jackson seine Tochter. „Barry, Daddy, Barry Mabaaama."

„Neue Jobs, billiges Benzin"

Im Stakkato zählt Tajaes Vater auf, was er sich vom neuen Präsidenten erhofft. „Neue Jobs, raus aus dem Krieg, billiges Benzin, gute Schulen. Bush hat uns in die Scheiße geritten, Mann, jetzt holt Barack uns wieder raus." Steve ist arbeitslos. Er trägt die Uniform der Navy, ein blütenweißes Prachtstück mit goldfarbenen Knöpfen und drei Ordensleisten. Irgendwann war er Koch bei der Marine.

Es gibt so gut wie keine Jobs in Altgeld. Die körperlich Starken, Skrupellosen schlagen sich durch, indem sie sich einer Drogenbande anschließen. Die Älteren, Schwächeren verhökern Zigaretten, die sie aus dem nächsten Ort im Bundesstaat Indiana holen, vier Meilen entfernt. In Indiana, wo die Tabaksteuer niedriger ist, kostet die Schachtel vier Dollar, in Illinois sieben. Verkauft man die Glimmstängel einzeln, wie es in Altgeld üblich ist, erzielt man einen Gewinn, der irgendwie reicht, um sich über Wasser zu halten.

„Komm, ich zeig dir was", sagt Steve Jackson, biegt um eine Mauerecke und steht vor einer Wand aus gelben Kacheln. Sie ist drei Meter hoch mit Namen beschriftet, ein Name pro Kachel. „Hier, Dana Wasp, ein echt guter Typ. Es war ein Schuss in den Hals. Hier, Craig Wasp, Danas Cousin. Mit sechzehn erschossen. Hier, Theodus Spence. Starb bei einer Messerstecherei." In Altgeld geht es für junge Männer zunächst darum zu überleben, im engsten Sinne des Wortes.
Das Viertel wird renoviert, viele alte, 1945 gebaute Backsteinhäuser werden nach und nach entkernt und innen neu eingerichtet. Eine gute Sache, aber der Lehrer Duane Taylor kennt auch die Kehrseite. Wegen des Lärms und des Staubs suchen Alteingesessene das Weite, während neue Bewohner herziehen, in Sozialwohnungen, die man ihnen zugeteilt hat. „Das bedeutet Krieg ums Territorium", sagt Taylor. Die harten, neuen Jungs wollen im Bandenkrieg ihre Claims abstecken.

Auf dem schütteren Rasen des Carver Parks sitzen fünf Rentner, Bierflaschen in den Händen, und genießen den ungewöhnlich milden Spätherbst. Keiner wohnt mehr in Altgeld. Aber so oft es das Wetter erlaubt, treffen sich Eddie, Dusty, James, Herbert und Donald am Park. Früher schmolzen sie Stahl in einem Werk, das seine Pforten schloss, kurz bevor Obama in Altgeld begann. Bekümmert reden sie vom sozialen Verfall ihrer Siedlung, überschwänglich skizzieren sie die Zukunft unter dem klugen Sozialarbeiter, der bald im fernen Washington regiert.

Vielleicht Stahl oder Textil

Eddie Brown hofft, dass am vergessenen Südrand Chicagos bald wieder Fabriken auftauchen. Vielleicht Stahl, vielleicht Textil, „sicher was mit grüner Energie". Amerika möge sich wieder auf sich selbst besinnen, nicht alles importieren. „Du weißt doch, Ed, die Globalisierung", dämpft Donald Burros. „Es geht um die Jungen. Obamas Sieg hat ihnen Hoffnung gegeben. Sie haben Chancen, jetzt können sie träumen."

Duane Taylor, der Pädagoge, sieht es ähnlich, er merkt es ja an sich selber. „Mir hat man als Kind immer eingeflößt, Duane, wenn du dich auf den Hosenboden setzt, kannst du alles erreichen." Skeptisch sei er geblieben, weil er das im Leben oft anders erlebte, seine dunkle Haut oft als Hindernis empfand. Aber jetzt, da Obama die Glasdecke zerschmettert habe, könne er seinen Schülern guten Gewissen sagen: „Hey, ihr könnt wirklich alles erreichen".

Seit Jahren unterrichtet Taylor an der Schule „Our Lady of the Gardens", einer katholischen Schule, die besser ist als ihre beiden staatlichen Nachbarn. Besser bedeutet: Hier liegt die Quote der Schulabbrecher bei fünfzig Prozent, nebenan sind es siebzig. Der Lehrer hofft auf eine Wende. Obamas Sieg liefert ihm Argumente, um Drückebergern ins Gewissen reden. Von wegen, jeder, der fleißig lerne, sei ein Whitey, ein Streber wie die Weißen. Von wegen, jeder, der korrektes Englisch spreche, sei uncool. „Reißt die Schranken ab, die ihr im Kopf abgebaut habt", will er den Schulschwänzern sagen. „Ihr habt keine Ausflüchte mehr, es liegt allein an euch." (Frank Herrmann aus Chicago, DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2008)

 

 

  • Trostlos und verlassen: der zentrale Einkaufsplatz in Altgeld, wo Obama als Sozialarbeiter tätig war.

    Trostlos und verlassen: der zentrale Einkaufsplatz in Altgeld, wo Obama als Sozialarbeiter tätig war.

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