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6. November 2008, 17:47
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Das Arnold Schönberg Center in Wien: Direktor Christian Meyer im Interview über Entstehungsgeschichte und Zukunftspläne

Das Arnold Schönberg Center im Palais Fanto ist mittlerweile fester Bestandteil des Wiener Kulturlebens. Petra Haiderer sprach mit Direktor Meyer.


Das Arnold Schönberg Center im Palais Fanto hat sich in den zehn Jahren seines Bestehens zum festen Bestandteil des Wiener Kulturlebens entwickelt. Konzerte, Vorträge, Ausstellungen und nicht zuletzt die Bibliothek bieten einen reichen Fundus für die Beschäftigung mit Arnold Schönberg. Dass ein so wichtiger Teil der österreichischen Musik- und Kunstgeschichte auch in Österreich ein Zuhause hat, scheint heute logisch, war vor zehn Jahren aber alles andere als selbstverständlich.

Ursprünglich wurde der Nachlass Schönbergs an der University of Southern California betreut. "Sehr gut betreut" , wie Christian Meyer, Direktor des Schönberg Centers, betont. Anfang der 1990er-Jahre änderte sich das. "Ein neuer Rektor kümmerte sich nicht mehr im Sinne der Familie um den Nachlass." Die Versäumnisse der Universität waren Wiens Chance. Mit aufregenden Zwischentönen.

"Die Familie Schönberg klagte die Universität. Laut Gerichtsurteil bekam die Familie genau zwei Jahre Zeit, einen geeigneteren Nachlassverwalter zu finden" , erinnert sich Meyer. "Danach ginge alles in das Eigentum der Universität über, und die Familie Schönberg hätte auch kein Mitspracherecht mehr." Das Interesse an der wertvollen Sammlung war groß: Basel, Den Haag und Berlin bewarben sich. "Fast hätte Berlin den Zuschlag bekommen. Doch bei der Unterzeichnung des Vertrages stellte sich heraus, dass sich der Baubeginn für das Gebäude, in dem der Nachlass untergebracht werden sollte, um sieben Jahre verschieben würde. Die Familie Schönberg zog sich zurück." Wien nutzte die Chance. "Hier sagte man: ‚Wir erfüllen jede Bedingung.‘ Legendär wurde Ursula Pasterks Ausspruch: ‚Schönberg gehört nach Wien.‘" Voraussetzung dafür waren Bau und Betrieb eines entsprechenden Zentrums. Die Zeit drängte.

"Es blieben nur mehr fünfzehn Monate, um das Center zu bauen und bis zum Stichtag den Nachlass von den USA nach Europa zu übersiedeln. Mehr als einmal habe ich mir damals gedacht: ‚Das geht sich nie aus.‘" Doch am 15. März 1998 präsentierte sich das Schönberg Center dem Publikum. "Das Interesse zur Eröffnung war groß. Meine erste Aufgabe war es, diese Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten" , schildert Meyer die Anfangssorgen. In zehn Jahren hat das Center mit 17 Ausstellungen Interesse geweckt. Zwei davon waren dem bildnerischen Schaffen Schönbergs gewidmet.

Der Maler Schönberg

Zum Jubiläum betrachtet Meyer noch einmal den Maler Schönberg - in "nordischem" Licht. "Strindberg, Schönberg, Munch" ist der Titel der Schau, die bis 18. Jänner 2009 zu sehen ist. "Ich wollte den Maler Schönberg neu positionieren, zeigen, dass er nicht so nah an Kandinsky steht, wie man denkt, und gar nichts mit dem Symbolismus Klimts oder dem Expressionismus Kokoschkas zu tun hat."

Über Einflüsse aus der Malerei hat sich Schönberg ungern geäußert. "Er wollte sich als unabhängiger Maler sehen. Aber 1910 gab es in Wien eine Munch-Ausstellung, die er wahrscheinlich gesehen hat. Seine Tochter berichtet von einem Munch-Katalog, den ihr Vater besaß. Auch hat sich Richard Gerstl, mit dem Schönberg vor der privaten Katastrophe 1908 viel Kontakt hatte, sehr für Munch interessiert. Thematische Parallelen zwischen Schönberg und Munch in den Themen über Tod und Angst zeigen sich aber deutlich."

Erstmals sind in Österreich die Bilder des schwedischen Schriftstellers August Strindberg zu sehen. "Strindberg hat exzeptionell gemalt. Wunderland ist für mich das bedeutendste Bild eines schwedischen Malers. Er hat es übrigens 1894 in Österreich gemalt, der Heimat seiner zweiten Frau Frida Uhl." Nur etwas mehr als 100 Bilder hat Strindberg hinterlassen, 30 davon sind in der Ausstellung zu sehen. "Es ist eine einmalige Chance, einen Eindruck vom Gesamtwerk zu bekommen. Vieles ist sonst auch in Museen nicht zu sehen, die Hälfte der Bilder befindet sich in Privatbesitz."

Wie weit Strindbergs geistiger Einfluss auf Schönberg, aber auch Alban Berg und Anton Webern, reichte, lässt sich an Briefen, die die Ausstellung ergänzen, ablesen. "Kaum eine Künstlergruppe hatte ein derart starkes literarisches Referenzsystem, ohne dass es direkt ins Werk einfloss. Die Ausstellung wirft weniger einen Blick in die Künstler- als in die Gedankenwerkstatt der Wiener Schule."

Für die Zukunft hat Meyer vor allem zwei Wünsche. "Ich möchte, dass das Publikum die Musik Schönbergs vorbehaltlos genießen lernt. Das ist bis heute nur bei einem Teil des Publikums gelungen." Der zweite Wunsch gilt Pragmatischem: "Eines Tages möchte ich das Schönberg Center nicht mehr mieten müssen, sondern dafür ein Haus im Eigentum besitzen. Ein Drittel des Budgets fließt in die Miete. Um dieses Geld könnte man manches bieten, worauf jetzt verzichtet werden muss." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11.2008)

Sonderausstellung "Nordische Moderne in Schönbergs Wien um 1900" bis 18.1.2009

  • Christian Meyer (li.) führt Maestro und Komponist Pierre Boulez (re.) durch das Arnold Schönberg Center.
    foto: schönberg center

    Christian Meyer (li.) führt Maestro und Komponist Pierre Boulez (re.) durch das Arnold Schönberg Center.

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