"Große Koalition" für Washington

6. November 2008, 17:28
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Experte: Obama will breiten Konsens

New Orleans / Wien - "Barack Obama organisiert seinen Einstieg ins Präsidentenamt seit dem vergangenen August. Seine Regierung wird sicher eher einer großen Koalition gleichen als einer Ein-Parteien-Administration. Das wird Obama nicht nur vor den Republikanern, die er wahrscheinlich im Senat brauchen wird, gut dastehen lassen, sondern auch vor der Öffentlichkeit" , erklärt Charles D. Hadley im Gespräch mit dem STANDARD. Bis zu seinem Amtsantritt am 20. Jänner habe Obama Zeit, die hohen Erwartungen, die in ihn gesetzt würden, zu relativieren. Und die Bürger hätten ebenso Zeit, mit dieser Ernüchterung umgehen zu lernen, meint der Politologieprofessor der Universität von New Orleans.

Die Namen, die nun für Obamas Regierungsteam kursierten, würden vor allem gestreut, um den allgemeinen Respons darauf zu testen. "Es kostet nichts, ein paar Namen zirkulieren zu lassen, aber es hilft, Einschätzungen zu bilden." Es gehe in diesem Prozess auch darum, eine gute Balance zwischen regionaler, ideologischer und religiöser Repräsentation in der Regierung zu finden. Das letzte Wort dabei, glaubt Hadley, werde noch einige Zeit nicht gesprochen sein.

Inhaltlich werde sich Barack Obama zuerst um die Wirtschaft - und um nichts anderes - kümmern müssen. Hadley: "Er wird dem von George W. Bush eingeleiteten Prozess zur Rettung der Banken und Immobilienfinanzierer seinen Stempel aufdrücken, sich Methoden der Rückregulierung ansehen und sich des miserabel aufgestellten Bundesbudgets annehmen."
In der Außenpolitik wird der neue Präsident nach Einschätzung des Politikwissenschafters alles daran setzen, seinen Vorgänger vergessen zu machen. Die Reform des Krankenversicherungswesens, das nur relativ wenige Wähler ganz oben auf der Prioritätenlisten sehen, sei dagegen sicher ein sekundäres Problem.

Beim Abgang Bushs müsse Obama vor allem aufpassen, dass dessen Minister nichts mehr Substanzielles angriffen. Hadley: "Da geht jetzt gerade sehr viel Lobbying in D.C. vonstatten." Bush selbst werde nach dem 20. Jänner "sehr, sehr froh sein", dass er nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten ist. "Immerhin ist er ja der unpopulärste Amtsinhaber, seit es professionelle Meinungsforschung in den USA gibt." (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2008)

  • Charles Hadley ist Professor an der University of New Orleans.

    Charles Hadley ist Professor an der University of New Orleans.

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