Wind of Change

7. November 2008, 11:26
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Tropfstein gibt Klima­informationen über 1.500 Jahre preis: Womöglich bestimmte der Sommermonsun das Auf und Ab chinesischer Dynastien

Washington - China während der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts: Seit einigen Dekaden wird das Reich von Aufständen erschüttert. Die bis dahin mächtige Tang-Dynastie wankt. Aufwändige Militäreinsätze gegen die Truppen der Rebellenführer kosten das Zentralregime unter Kaiser Xizong die letzte Kraft.

Das Reich der Mitte zerfällt, die Bruchstücke versinken jahrzehntelang in Kleinstaaterei und politischem Chaos. Erst ab dem Jahr 960 gelingt einem ehemaligen General als Kaiser Taizu die Wiedervereinigung. Die Song-Dynastie wird gegründet, Chinas Kultur setzt zu einem neuen Höhenflug an.

Schicksal von Zivilisationen

Geschichte als Wellenbewegung. Imperien erblühen und vergehen, in Asien und anderswo. Die Ursachen solcher Entwicklungen sind vielfältig und komplex, ihre Erforschung ist gemeinhin die Arbeit von Historikern und Politologen. Doch nicht nur sie sind gefragt. Klima und Ökologie, so wird zunehmend klar, spielen für das Schicksal von Zivilisationen eine entscheidende Rolle.

So machten zum Beispiel vor mehr als 1000 Jahren Dürren der entwickelten Maya-Kultur Mittelamerikas den Garaus (Science, Bd. 299, S. 1731). Zurück blieben nur Ruinen, die vom Dschungel überwuchert wurden.

Auch in Ostasien mehren sich inzwischen Hinweise auf die Rolle von Klimaschwankungen als Auslöser für kulturelle und politische Umwälzungen. Eine besonders wichtige Spur stammt aus der Wanxiang-Höhle in der zentralchinesischen Provinz Gansu. Es handelt sich um einen rund 1800 Jahre alten Stalagmiten, der 2003 dort geborgen wurde.

Der Tropfsteinzapfen wuchs kontinuierlich vom Jahr 190 unserer Zeitrechnung bis 2003. Ein chinesisch-US-amerikanisches Forscherteam hat seine Zusammensetzung mittels Massenspektroskopie genau analysiert.

Ihr besonderes Augenmerk galt dabei dem Mengenverhältnis zwischen den beiden Sauerstoff-Isotopen 18O und 16O, die im Tropfstein-Mineral Calcit enthalten sind. Je negativer dieser Wert, desto mehr Niederschläge fielen während des Zeitraums der Calcit-Ablagerung.

Große Teile Chinas liegen im Wirkungsbereich des Asiatischen Sommermonsuns, ein jährlich auftretender Wind, der große Mengen Feuchtigkeit in das Landesinnere trägt und dort als Regen ablässt. Die Stärke des Monsuns ist periodischen Schwankungen unterworfen, die unter anderem von der Sonnenaktivität und von Rückkopplungseffekten auf der nördlichen Erdhalbkugel abhängig sind. Die südostpazifische Meeresströmung "El Niño" dürfte ebenfalls ein Teil des Klimapuzzles sein.

Schlüsselrolle des Klimas

Die chinesischen und US-Forscher verglichen die aus dem Wanxiang-Stalagmiten gewonnenen Niederschlagsdaten mit Klimasimulationen für denselben Zeitraum und stellten einen verblüffenden Gleichklang fest. Gleichzeitig decken sich so aufgedeckte Trockenperioden mit einigen wichtigen historischen Krisen. Nicht nur das Ende der Tang-Ära, auch die Untergänge der Yuan- und Ming-Dynastien fallen mit Zeiten eines schwachen Sommermonsuns zusammen.

Der Aufstieg der Song dagegen fiel in eine Periode reichlicher Regenfälle. Diese Korrelationen weisen auf eine "Schlüsselrolle des Klimas" in der Geschichte Chinas hin, schreiben die Experten in der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science (Bd. 322, S. 940).

Als unmittelbare Auslöser der Umwälzungen kommen vor allem dürrebedingte Missernten beim Reisanbau in Betracht. "Alle genannten Dynastien brachen durch Bauernaufstände zusammen" , erklärt der Geochemiker Hai Cheng im Gespräch mit dem STANDARD. "Und diesen Aufständen wiederum ging Nahrungsmittelknappheit voran". (Kurt de Swaaf/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2008)

  • Der Tropfstein aus der Wanxiang-Höhle in der zentralchinesischen Provinz Gansu wuchs zwischen dem Jahr 190 und 2003 - und fungiert damit  für einen Zeitraum von fast 1.800 Jahre als steinerner Klima- und Niederschlagskalender.
    foto: science/aaas

    Der Tropfstein aus der Wanxiang-Höhle in der zentralchinesischen Provinz Gansu wuchs zwischen dem Jahr 190 und 2003 - und fungiert damit  für einen Zeitraum von fast 1.800 Jahre als steinerner Klima- und Niederschlagskalender.

  • Die Wanxiang-Höhle von außen und ...
    foto: science/aaas

    Die Wanxiang-Höhle von außen und ...

  • ... von innen. Die aus dem Wanxiang-Stalagmiten gewonnenen Niederschlagsdaten decken sich mit einigen wichtigen historischen Krisen.
    foto: science/aaas

    ... von innen. Die aus dem Wanxiang-Stalagmiten gewonnenen Niederschlagsdaten decken sich mit einigen wichtigen historischen Krisen.

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