Otto Schenk aus dem Morgenland: "Derwisch erzählt"

6. November 2008, 15:50
4 Postings

Orient-Phantasie ohne Kitsch: Die dritte Auflage von "Derwisch erzählt" im Wiener Interkulttheater

Sein Gesicht hängt in der ganzen Stadt: Ein Mann mit Vollbart und Lesebrille, der vom Kamel geküsst wird, lädt auf dem Plakat zu heiteren „Geschichten aus dem Orient". „Derwisch erzählt" heißt das Programm des Interkulttheater-Chefs Aret Güzel Aleksanyan, das in seiner dritten Auflage wieder für ausgebuchte Abende sorgt.

Kamel-Feeling

Das Thema ist simpel: Aleksanyan mimt den „Meddah", den traditionellen Geschichtenerzähler, der beruflich nichts anderes tut, als Weisheiten als leicht konsumierbare Witzgeschichten unters Volk zu bringen. Wäre das ein Tiroler, der alte Bauernweisheiten erzählt, würde es wohl niemanden interessieren. Es ist das „Orient"-Pickerl, das die Menschen in Scharen und auch bei der dritten Wiederholung ins kleine Theater nahe der Mariahilfer Straße lockt. Wem gerade Geld oder Zeit für den Ägypten-Urlaub fehlt, kauft sich das Kamel-Feeling an der Theaterkasse. Dass das aber wohltuend schlicht und unkitschig verläuft, ist wohl der Grund des Erfolgs der „Derwisch"-Reihe: Liebevoll gestaltete Tabletts mit Datteln, Feigen, Kichererbsen und anderen Mezes säumen den Weg zum Theatersaal. Snacks, Tee, Handlesen und Wasserpfeife sind beim 15 Euro-Eintrittsticket inkludiert.

Wort und Tanz

Das Ambiente scheint ebenso wichtig zu sein wie die Derwisch-Geschichten selbst. Der Erzähler bringt Episoden von Rafik Schami, erklärt Begriffe wie Raki und Hammam, hüpft auf der Bühne herum und beschwert sich über das träge, „westliche" Publikum und erzählt noch eine Geschichte. Die Pointe ist dabei weniger wichtig als die mit viel Mimik und Gestik überhäufte Erzählweise: Otto Schenk auf orientalisch. Dazwischen tritt die göttliche Mandana Alavi Kia mit schlichten Tänzen und berührendem Gesang auf und lässt die Frage aufkeimen, warum nicht sie die Hauptrolle des Abends übernehmen darf: Mit ihren Bewegungen erzählt sie Geschichten, die mindestens so sehr zum Nachdenken anregen wie der „Meddah" es mit vielen Worten versucht.

Nicht alle heißen Ali

Wo „Orient" draufsteht, ist Vorsicht angesagt. Romantisierende Klischees von Wüste, Wonne, Farbenpracht und Harem-Erotik schlug schon immer schnell um in blutrünstige Säbelrassel-Fantasien. Dass der „Derwisch" sich von solcher Mystifizierung fernhält, ist ihm ebenso hoch anzurechnen wie die Tatsache, dass er das „schöne Morgenland" nicht abhebt vom „nahen Orient" der türkischen und arabischen Zuwanderer. Aleksanyan macht es dem Publikum nicht so leicht, wie er könnte, wenn er sich anbiedern wollte: Er stellt den Türken-Klischees - Döner-Buden, vorbestrafte Jungs und unterdrückte Frauen - sein tägliches Erleben gegenüber und fordert so auch die Wahrnehmung der ZuschauerInnen heraus: Nicht alle heißen Ali und Fatima. So gelingt dem Derwisch, woran viele scheitern: Er entführt in das vermeintlich Fremde, Exotische - und lässt erkennen, dass die Exotik eine Fantasie ist, die mit dem Fremden wenig zu tun hat. (mas, derStandard.at, 6.11.2008)

 

 

  • Erfüllt Sehnsüchte, ohne Klischees zu bedienen: "Derwisch" Aret Güzel Aleksanyan
    Foto: Interkulttheater

    Erfüllt Sehnsüchte, ohne Klischees zu bedienen: "Derwisch" Aret Güzel Aleksanyan

Share if you care.