"Pukanic wollte gegen Ex-General Zagorec aussagen"

6. November 2008, 18:07
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Sina Karli, Chefredakteurin der Wochenzeitung "Nacional", deren Verleger Ivo Pukanic ermordet wurde, im derStandard.at-Exklusivinterview über die Hintergründe des Mordes

Ende Oktober explodierte in Zagreb vor dem Redaktionsgebäude des kroatischen Wochenmagazins "Nacional" eine Bombe. Bei dem Attentat kamen der Verleger der Zeitung, Ivo Pukanic sowie der Marketing-Direktor Niko Franic ums Leben. Das zweite Attentat gegen Pukanic innerhalb eines Jahres. "Nacional"-Chefredakteurin Sina Karli wirft im derStandard.at-Exklusivinterview mit Manuela Honsig-Erlenburg der kroatischen Polizei nun vor, den Personenschutz für Pukanic viel zu früh und gegen dessen ausdrücklichen Willen aufgehoben zu haben.

Nach ihren Angaben hatte Pukanic geplant, sowohl gegen den kroatischen Ex-General und Vize-Verteidigungsminister Vladimir Zagorec - der wegen Amtsmissbrauch und Veruntreuung während des Kriegs angeklagt wird - auszusagen, als auch gegen die Zigarettenmafia. Zagorec selbst hätte schon vor seiner Auslieferung durch Österreich gewarnt, dass seine Rückkehr nach Kroatien "Die Büchse der Pandora" öffnen würde.

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derStandard.at: Ivo Pukanic galt als einer der Aufdecker in Kroatiens Journalismus. Hatte der Mord an ihm und dessen Marketingdirektor Niko Franjic mit einem bestimmten Projekt zu tun, an dem er gerade arbeitete?

Karli: Ivo Pukanic war vor allem ein großartiger Journalist der im letzten Jahrzehnt viele wichtige Aufdeckerstories geschrieben hat. Er hat auch alle wichtigen Journalismuspreise in Kroatien gewonnen. Während der Neunziger deckte er eine Serie von Skandalen auf, die zuguterletzt zum Verschwinden des ultrarechten Flügels in Tudjmans Partei HDZ führte ("Kroatische Demokratische Union", Anm.). 2002 schrieb er eine Serie von Artikeln über die Zigarettenmafia am Balkan. Und in den letzten Jahren hat er die Waffenschmugglergeschäfte der 90er aufgedeckt und die Veruntreuungen von Geldern des kroatischen Verteidigungsministeriums.

Unsere Zeitung hat auch einige Artikel geschrieben, in denen wir Beweise für die Verwicklung des ehemaligen Verteidigungsministers Vladimir Zagorec lieferten. Wie auch immer, Ivo Pukanic stand vor der Zeugenaussage in zwei wichtigen Prozessen, den einen gegen Zagorec in Zagreb und den anderen gegen die Balkan-Tabakmafia in Italien. Diese Tatsache war wohl gefährlicher für seine Sicherheit als seine journalistischen Recherchen, die er gerade machte.

derStandard.at: Heben Sie konkrete Verdächtige?

Karli: Wie schon gesagt, "Nacional" schrieb über Zagorec, die Zigarettenmafia und andere. Die Polizei glaubt, dass einige dieser Artikel eben ein Motiv für den Mord darstellen. Wie auch immer: Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob das stimmt.

derStandard.at: Eskaliert ist die Lage nach der unfreiwilligen Heimkehr von Ex-General Vladimir Zagorec. Zagrebs Justiz wirft dem früheren Vizeverteidigungsminister die Unterschlagung eines Koffers mit Diamanten im Wert von fünf Millionen Dollar vor, die während des Kroatienkrieges zur Finanzierung illegaler Waffenkäufe gedacht waren. Werden die Verantwortlichen nervös?

Karli: Wie Sie vielleicht wissen, traf sich Vladimir Zagorec vor seiner Auslieferung in Wien mit einem Sonderbeauftragten von Präsident Stipe Mesic. Während dieses Treffens warnte Zagorec den Sonderbauftragten, dass mit seiner Auslieferung "Die Büchse der Pandora " geöffnet würde. Nach dem Gespräch wurden Ivana Hodak, Ivo Pukanic and Niko Franjic ermordet. Herauszufinden, ob die beiden Ereignisse in direktem Zusammenhang miteinander stehen, ist jetzt Aufgabe der Polizei.

derStandard.at: Es gibt die Ansicht, dass das Attentat auf Pukanic eine Art Blutrache für die Ermordung der Hodak-Tochter war. Pukanic soll enge Kontakte zum Oligarchen Hrvoje Petrac haben, der ebenfalls sein Vermögen mit Waffengeschäften machte. Was steckt dahinter?

Karli: Das sind haltlose Spekulationen. Der Mord an Pukanic war angeblich schon Monate vor dem Mord an Ivana Hodak geplant.

derStandard.at: Wurde Ihrer Zeitung vor aber auch nach dem Tod Ihres Herausgebers dezidiert mit Gewalt gedroht?

Karli: Nie direkt.

derStandard.at:  Haben Sie und Ihre Mitarbeiter Personenschutz?

Karli: Seit dem Mord stehe ich unter Personenschutz. Unsere Zentrale wird ebenfalls polizeilich  überwacht. Aber meine Kollegen des "Nacional" und ich sind sehr aufgebracht darüber, dass die Polizei den Personenschutz von Ivo Pukanic im August entgegen seiner ausdrücklichen Bitte aufgehoben hat. Und das vier Monate nach dem ersten Anschlag auf sein Leben, der zu dieser Zeit noch nicht aufgeklärt war: Er blieb auch bis heute unaufgeklärt. Die Planung des zweiten Attentats, in dem er getötet wurde, begann zu der Zeit, als sein Schutz ausgesetzt wurde. Wir wissen das mit dieser Sicherheit, weil das ein konkretes Ergebnis der polizeilichen Untersuchungen ist.

derStandard.at Ministerpräsident Sanader versprach, alles zu tun um das Organisierte Verbrechen zu eliminieren. In einem Geheimbericht der kroatischen Staatsanwaltschaft heißt es allerdings, die Mafia sei "in alle Poren der Gesellschaft tief eingedrungen, auch in die Politik". Glauben Sie an einen Erfolg?

Karli: Ich muss dieser Behauptung zustimmen. Ob Sanader mit seinem Vorhaben erfolgreich sein wird, hängt ganz von ihm ab. Wie auch immer, ich bin enttäuscht darüber, dass er nicht schon in den Wochen nach den Morden mit größerer Entschlossenheit gegen das Organisierte Verbrechen vorgegangen ist.

derStandard.at: Sehen Sie die EU-Perspektive Kroatiens in Gefahr?

Karli: Der aktuelle Report der EU-Kommission war weitgehend positiv, enthielt aber konkrete Warnungen hinsichtlich der der Organisierten Kriminalität. Kroatien muss seine Hausaufgaben machen. Noch einmal: Kroatien hält seine EU-Perspektive selbst in der Hand. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 6.11.2008)

Hintergrund: Der ehemalige kroatische General und Vize-Verteidigungsminister Vladimir Zagorec. wurde Ende September in Wien festgenommen und an Kroatien ausgeliefert. Zagorec war während des Krieges in Kroatien für die Beschaffung von Waffen für die kroatische Armee zuständig. Als das UN-Waffenembargo Waffenexporte in die früheren jugoslawischen Teilrepubliken verbot, sollen die Geschäfte illegal durchgeführt worden sein. Zagorec wird in Abwesenheit in seiner Heimat bereits seit einem Jahr der Prozess gemacht.

Als einer der engsten Vertrauten des ersten Präsidenten Kroatiens, Franjo Tudjman, soll der am 22. November 1963 geborene Zagorec über Millionenbeträge verfügt haben. Ihm wird konkret vorgeworfen, Edelsteine im Wert von rund fünf Millionen Dollar, die ihm als Garantie für Waffengeschäfte übergeben wurden, unterschlagen zu haben. Heute gilt der Ex-General laut kroatischen Medien mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 26 Mio. Euro als einer der reichsten Kroaten überhaupt.

  • Der ehemalige kroatische General und Vize-Verteidigungsminister Vladimir 
Zagorec.

    Der ehemalige kroatische General und Vize-Verteidigungsminister Vladimir Zagorec.

  • In diesem Wrack starben Ivo Pukanic und dessen Marketingdirektor Niko Franji durch einen Sprengstoffanschlag.
    foto: epa/str

    In diesem Wrack starben Ivo Pukanic und dessen Marketingdirektor Niko Franji durch einen Sprengstoffanschlag.

  • Sina Karli, Chefredaktuerin der Wochenzeitung "Nacional": "Seit dem Mord stehe ich unter Personenschutz."
    foto: nacional

    Sina Karli, Chefredaktuerin der Wochenzeitung "Nacional": "Seit dem Mord stehe ich unter Personenschutz."

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