Suchtprobleme am Land nicht kleiner, aber versteckter

6. November 2008, 13:21
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Es gibt kein Stadt-Land-Gefälle, weil Drogen überall verfügbar sind - Unterschiedlich ist nur der Drogenhandel

Wien - Beim Gedanken an Drogendeals und zugedröhnte Junkies denken viele vor allem an Wien oder andere größere Städte in Österreich. Suchtmittelmissbrauch mache aber auch vor Dörfern und weniger dicht besiedelten Gebieten nicht halt, zeigte sich Ursula Hörhan von der niederösterreichischen Suchtkoordination und -vorbeugung überzeugt. "Es gibt keine Unterschiede, weil die Drogen überall verfügbar sind."

Zwar gebe es in Niederösterreich keine großen Umschlagplätze wie in Wien oder einen Straßenhandel mit verbotenen Substanzen, erhältlich sei und konsumiert werde allerdings genauso wie in der urbanen Anonymität. Unterschiedlich sei nur der Ablauf von Drogenhandel und -missbrauch. "Es ist einfach viel versteckter", erklärte Hörhan. "Es passiert viel mehr in den eigenen Räumlichkeiten - zu Hause in Wohnungen, bei Freunden."

Dieser Faktor wirke sich wiederum massiv auf die Betreuungssituation aus, man komme nicht so leicht an die Zielgruppe heran wie in einer Stadt, so Hörhan. Wie in Wien am Karlsplatz eine Streetwork-Zentralen zu eröffnen würde aus Angst vor Ablehnung nicht so gut funktionieren - wer in einem kleineren Ort eine offensichtliche Suchtberatung aufsuche, ist sofort einer Stigmatisierung ausgesetzt.

Kontakte zu Hilfseinrichtungen per Internet, Mail und Telefon seien daher besonders wichtig, erklärte Hörhan. "Es ist wichtig, dass man nicht diese Stigmatisierung vor Ort hat." Um zu verhindern, dass persönliche Besuche aus Angst vor einer schlechten Nachrede unterbleiben, habe man daher versucht, Beratungsstellen möglichst unerkennbar in neutralen Gebäuden - zum Beispiel Häusern der Caritas - unterzubringen. So sei nicht sofort ersichtlich, dass jeder der ein Haus betrete, eine Suchtberatung aufsuche.

Verändert habe sich der Drogenkonsum im ländlichen Bereich am Beispiel Niederösterreich - in den vergangenen Jahren vor allem durch die gesteigerte Mobilität und das Internet. "Einer fährt mit dem Auto und versorgt seine Freunde", so Hörhan. Nicht nur Erwachsene, auch die Jugendlichen hätten heute viele Möglichkeiten dazu. Im Internet wiederum finden Abhängige nicht nur Anleitungen zum Bau von Hanf-Plantagen oder Mini-Labors zur Herstellung synthetischer Drogen. Auch das Bestellen von Substanzen und Experimentierkästen sei dadurch einfacher möglich geworden. Hinzu käme ein Angebot vieler neuer, unbekannter und gefährlicher Drogenmischungen.

Noch kein Thema ist in Niederösterreich die Durchführung von Spritzentauschs. Aus gesundheitlichen Gründen wäre dies natürlich wünschenswert, so Hörhan. Dadurch, dass sich der Konsum hauptsächlich im privaten Bereich abspielen, würden allerdings ohnehin kaum Drogenutensilien auf der Straße herumliegen. Schwierig wäre am Land zudem die Erreichbarkeit solcher Einrichtungen.

Nachholbedarf ortet Hörhan bei der Substitutions-Therapie. "Ein gut eingestellter Süchtiger kann damit genau so alt werden wie jeder andere", so die Geschäftsführerin. Der Nachteil im ländlichen Bereich: "Es gibt noch zuwenige Ärzte, um diese Maßnahme flächendeckend anbieten zu können." In Niederösterreich werden die Suchtberatungen seit zwei Jahren ausgebaut, Ziel ist es, dass pro 50.000 Einwohner mindestens 40 Wochenstunden Hilfsleistung zur Verfügung stehen. Geleistet werden diese zum Großteil von Sozialarbeitern, auch Ärzte und Therapeuten sind in den Teams vertreten.

Prävention sei beim Kampf gegen Drogenkonsum prinzipiell der wichtigste Schwerpunkt, erklärte die Geschäftsführerin. Man suche beispielsweise häufig Lokale auf, in denen sich Jugendliche mit Problemen erfahrungsgemäß aufhalten, um mit ihnen ihre Schwierigkeiten aufzuarbeiten und sie zu unterstützen. Sie sollen aufgefangen werden, bevor zu Drogen gegriffen wird. "Je geringer die Zukunftsperspektiven und der soziale Rückhalt sind, desto größer ist die Chance, dass Jugendliche zu Drogen greifen", betonte Hörhan. (APA)

 

 

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