Fünf Menschen mit der Axt erschlagen, um "Leid zu vermeiden"

6. November 2008, 17:20
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Prozess: Der Angeklagte gibt an, er habe seiner Familie drohendes "Leid, Kummer und Schmerzen" wegen hoher Schulden ersparen wollen

Wien - "Herr Staatsanwalt, da könnten wir noch stundenlang darüber philosophieren. Das Totsein ist nicht das Problem." Das ist der zentrale Punkt in der Gedankenwelt von Reinhard S. "Wenn man alle Gefühle weglässt und sich die Wirklichkeit anschaut - das Leben an sich ist die Krise, eine tödliche Krankheit. Und am Schluss steht immer der Tod, wahrscheinlich ein qualvoller."

Reinhard S. ist ein PR-Manager von schmächtiger Statur, ein Intellektueller, der unter seinen mehr als 3000 Büchern ein paar Lieblingsbücher hat - darunter: "Vom Nachteil, geboren zu sein" von Emile M. Cioran. "Das Leben ist sinnlos" , sagt Reinhard S. "Das ist meine feste Überzeugung, dass ich 40 Jahre lang sinnlos gelebt habe.

Es sei für ihn auch immer klar gewesen, "dass ich mich nicht fortpflanzen will" . Dass seine Frau dann doch eine Tochter bekam, sei "passiert" . Es sei "ein extrem liebes Kind" gewesen. Reinhard S. dachte sich: "Wenn es schon leben muss, bin ich verpflichtet alles zu tun, damit es ihm gut geht."
Für das Wohlergehen der Familie begann er an der Börse zu spekulieren. Nach ersten Gewinnen, verlor er aber. Weil er den Verlust schnell wettmachen wollte, verlor er noch mehr Geld. Im April betrug der Schuldenstand bereits rund 350.000 Euro.

Ab diesem Zeitpunkt sah er nur noch "Leid, Kummer und Schmerzen" auf die Familie zukommen. Als Reinhard S. klar war, dass seine Frau bald den Schuldenberg entdecken musste, "war fix in mich eingerastet, dass ich Selbstmord machen werde" . Nur: Die Tochter, dieses "extrem sensible Kind" , hätte er unmöglich zurücklassen können, sagt Reinhard S. Und "wenn die Tochter tot ist, ist dieser Schmerz für meine Frau nicht zumutbar" . Reinhard S. meint: "Mir geht es ums Leid-Vermeiden."

Drei wunderschöne Tage

An einem Freitag hatte Reinhard S. dann eine Axt in einer Geschäftsauslage gesehen. Drei Tage lang habe er mit sich gerungen. "Es waren einfach drei wunderschöne Tage, mit Ausflügen." Und das ist einer jener Momente, wo der Intellektuelle, der alle Gefühle wegschieben will, um klar zu sehen, zusammensackt und Minuten vor sich hin schluchzt.

Am 13. Mai sei seine Frau früher als erwartet aufgestanden, um in die Arbeit zu gehen - da war für ihn klar: "Jetzt oder gar nicht." Er griff zur Hacke und schlug die Frau im Badezimmer von hinten nieder.

Als die Frau bewusstlos auf dem Boden lag "durfte das meine Tochter nicht mehr sehen. Dann war's auf Schiene sozusagen." Als die kleine Natalie zu ihm laufen wollte, ging er zu ihr und begann mit der Hacke auf sie einzuschlagen.

Immer wieder ging er vom Badezimmer ins andere Zimmer und wieder retour, weil eines der Opfer röchelte. Immer wieder schlug er zu. Einmal versuchte er den Kopf seiner Tochter mit einer Säge abzutrennen. Seine größte Angst: Dass die beiden noch einmal zu Bewusstsein kommen könnten.
Als er sich sicher war, dass dies nicht mehr der Fall sein würde, wusch er die Axt, führte ein paar Telefonate, meldete seine Frau krank, packte seinen Rucksack und fuhr mit dem Auto nach Ansfelden. Zu seinen Eltern. Auch die erschlug er auf die gleiche Weise. Als Reinhard S. dann auch noch am Abend den Schwiegervater in Linz erschlagen hatte, sei er nach dieser "Hochkonzentrationsphase" wieder nach Ansfelden und ins Bordell gegangen. Eine Art Henkersmahlzeit sei das gewesen, weil er sich ohnehin umbringen wollte.

Danach sei er gefahren und gefahren - habe aber "kein konkretes Anfahrziel" gefunden - keinen Betonpfeiler, gegen den er hätte rasen können. Also beschloss er, sich der Polizei zu stellen. Da er mit lebenslanger Haft rechnete, ging er in Wien noch ein letztes Mal zu einer Prostituierten: "Ein Raucher hätte sich eine Zigarette angezündet."

Reinhard S. auf die Frage, warum er seine Geschwister und seinen Schwager verschont habe: "Die stehen mir nicht nahe genug. Da ist die Liebe nicht groß genug."

Der Prozess wird heute, Freitag, fortgesetzt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 7. November 2008)

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