Streetworker: Wir stehen ganz vorne an der Front

6. November 2008, 11:59
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Süchtige kommen "nicht über Jux und Tollerei" zu Drogen, meist stecken Trauma dahinter

Wien - Eine unauffällige Glastür, von einem Security bewacht - Süchtige, die sich wie in einem Supermarkt artig in Warteschlangen reihen, um ihre gebrauchten Spritzen zu tauschen. Das ist der Alltag der Streetwork-Filiale am Wiener Karlsplatz. "Wir stehen ganz vorne an der Front", erklärte Leiter Reinhard Auer im APA-Gespräch die Arbeit seines zwölfköpfigen Sozialarbeiter-Teams.

Darauf zu achten, dass Süchtige trotz ihres Lebenswandels gesundbleiben und ihren Konsum kontrollieren können, ist das wichtigste Anliegen der niederschwelligsten Drogenberatungs-Einrichtung in der Bundeshauptstadt. Bei der Anlaufstelle Nummer Eins für Junkies werden dank der engen Kooperation mit weiterführenden Einrichtungen aber auch Therapieplätze und andere Hilfsleistungen bei Job- oder Wohnproblemen vermittelt.

Neben den offensichtlichen Junkies - zahnlos, mit zerzausten Haaren und blauen Lippen - suchen laut Auer viele, bei denen man einen Drogenkonsum gar nicht vermuten würde, die Streetwork-Filiale auf. Vor allem 25- bis 35-Jährige zählen zur Klientel der Beratungsstelle. Der Grund: Bis Sucht zum Problem wird, dauert es eine Zeit. Auf der anderen Seite sterben viele nach einer langen Drogenkarriere schon mit 40 Jahren. Jugendliche Süchtige gebe es kaum, so Auer.

"Unsere Erfahrung ist, dass Leute nicht über Jux und Tollerei zu Drogen kommen", betonte er. Viele haben traumatische Erfahrungen wie Missbrauch erlebt und würden durch Suchtmittel nichts anderes versuchen als Schmerz von sich wegzuhalten. "Und Opiate sind nichts anderes als Schmerzmittel", so Auer. Auf der anderen Seite leiden viele gleichzeitig an psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Paranoia oder Depression.

Primär gehe es bei der Arbeit nicht darum den Betroffenen ihren Drogenkonsum "auszureden". Ziel sei es vielmehr, einen Draht zu den Drogenkranken zu finden und in ihnen den Willen zu wecken, das eigene Leben selbst verändern zu wollen. Oft gehe es zunächst nur um die Suche nach einem fixen Schlafplatz, Stück für Stück plane man dann gemeinsam den Weg zurück ins gesellschaftliche Leben. "Man schaut zunächst, dass die Leute gesundbleiben", so der Drogenberater. Denn auch wenn ein 30-jährige Junkie den Absprung schaffe - mit einem Leberschaden und einem kaputten Herzen habe er nicht mehr viel davon. Besonders wichtig sei daher die Substitutionstherapie. Gut eingestellte Drogenkranke könnten dank dieser Möglichkeit am Arbeits- und sozialen Leben wieder teilhaben und seien integriert.

"Prinzipiell ist es ein Job, keine Mutter Theresa-Hingabe", so Auer über seinen Beruf in dem vor allem "menschliche Professionisten" gefragt seien. Einfach seien die Aufgaben, vor die Sozialarbeiter dabei gestellt würden, nicht immer. "Wenn eine Deeskalation nicht gelingt und wir Angst haben", erzählte Auer. Einmal sei ein psychisch Kranker und HIV-Infizierte beispielsweise mit aufgeschnittenen Armen herumgelaufen und habe Nadeln verteilt - mit diesem Risiko müsse man umgehen können.

"Wenn Leute, die man lange betreut hat, sterben - das ist traurig und frustrierend", meinte der Berater weiter. Die schlechten Erfahrungen seien allerdings Ausnahmen für die Supervisionen zur Verfügung stünden. Auf der anderen Seite gebe es viele positive Erlebnisse. Wenn jemand seine Sucht unter Kontrolle bekomme oder langfristig einem Job im Supermarkt nachgehen könne, sei das "ein Wahnsinn" - "Das sind schon Sternstunden für uns." (APA)

 

 

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