Bank of England und EZB senken Leitzins drastisch

6. November 2008, 15:17
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Die britischen Währungs­hüter überraschen mit einer Zinssenkung auf drei Prozent, auch die Europäische Zentralbank senkt den Leitzins um 50 Basispunkte auf 3,25 Prozent

Wegen der Wirtschaftskrise hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins im Euro-Raum zum zweiten Mal in Folge drastisch gesenkt. Der Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld sinkt in den 15 Euro-Ländern von 3,75 auf 3,25 Prozent, wie die EZB am Donnerstag nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt mitteilte.

Anfang Oktober hatte die EZB in einer gemeinsamen Aktion mit anderen Notenbanken erstmals seit Jahren den Leitzins nach unten genommen. Grund sind die Folgen der Finanzmarktkrise und Rezessionsängste. Zudem schwinden wegen sinkender Ölpreise und der schwächeren Konjunktur die Inflationsgefahren, wegen der die EZB noch im Juli den Zins angehoben hatte.

Der Zins ist damit so niedrig wie zuletzt vor zwei Jahren. Er liegt aber immer noch weit über dem Niveau in den USA - dem Ausgangspunkt der weltweiten Immobilien- und Finanzkrise - mit inzwischen 1,0 Prozent. Volkswirte erwarten daher in Europa weiter fallende Zinsen. Schon im Dezember könnte der nächste Schritt anstehen.

Trichet: Option der Reduktion um 75 Basispunkte

Wegen des Konjunktureinbruchs hat die EZB eine noch stärkere Senkung des Leitzinses erwogen. "Wir haben verschiedene Optionen diskutiert, so eine Senkung um 50 Basispunkte oder eine Senkung um 75 Basispunkte", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt. Die Entscheidung für eine Zinssenkung von 3,75 auf 3,25 Prozent sei dann aber für angemessen befunden worden. Der Rat der Notenbank habe die Entscheidung einstimmig getroffen. Trichet schloss eine weitere Zinssenkung ausdrücklich nicht aus, betonte aber auch: "Wir legen uns nicht fest." Experten erwarten bereits im Dezember den nächsten Schritt nach unten.

Bank of England senkt Leitzins drastisch

Kurz zuvor hat die Bank von England im Kampf gegen eine tiefgreifende Rezession die Reißleine gezogen. Sie senkte am Donnerstag die Zinsen um 1,5 Prozentpunkte auf 3 Prozent und damit so massiv wie seit der britischen Wirtschaftskrise zu Beginn der 90er Jahre nicht mehr.

Die Notenbanker waren unter starken Handlungsdruck geraten, da die Konjunktur im Sog der Finanzkrise in eine schwere Rezession abzudriften droht. An den Finanzmärkten war daher bereits mit einem großen Schritt der gerechnet worden. Eine derart massive geldpolitische Lockerung in London überraschte allerdings selbst Experten.

Großbritannien ist mit seinem Finanzzentrum London weit stärker als die Schweiz und viele Staaten der Euro-Zone von der Banken- und Immobilienkrise betroffen, die auf der Insel eine Kreditklemme ausgelöst hat. Die Häuserpreise fallen drastisch und der für die britische Wirtschaft extrem wichtige Servicesektor schrumpft im Rekordtempo. Die Industrieproduktion geht bereits den siebenten Monat in Folge zurück. Eine solch lange Talfahrt hatte es zuletzt Anfang der 80er Jahren gegeben, als die britische Wirtschaft in der Rezession steckte. Experten gehen davon aus, dass sich der wirtschaftliche Niedergang 2009 fortsetzen wird. Erst für 2010, wenn sich Premierminister Gordon Brown spätestens zur Wiederwahl stellen muss, sehen sie Licht am Ende des Tunnels.

Weitere Senkung erwartet

Manche Experten erwarten, dass die Bank von England den Leitzins noch weiter kräftig sinken wird: "Der Notenbank war klar, dass das Zinsniveau zu hoch war. Es wird wohl noch weitere Senkungen geben. Wir sagen ein Niveau von 2 Prozent voraus", sagte Amit Kara von der Schweizer Großbank UBS.

In einer konzertierten Aktion mit der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte sich die BoE bereits im Oktober mit einer Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt gegen die Finanzkrise gestemmt. Damit gaben die Notenbanker ihren monatelang verfolgten geldpolitischen Kurs der ruhigen Hand auf. BoE-Gouverneur Mervyn King räumte ein, dass der britischen Wirtschaft wahrscheinlich eine Rezession drohe und löste damit an den Märkte die Hoffnung auf eine kräftige Zinssenkung aus.

Lange hatte die Notenbanker in London vor allem die Sorge vor einer steigenden Preisdruck davon abgehalten, an der Zinsschraube zu drehen. Derzeit liegt die Inflationsrate immer noch bei vier Prozent und damit doppelt so hoch, wie sie von der BoE für ein stabiles Preisniveau angestrebt wird. Premier Brown sieht jedoch im Zuge der gesunkenen Energiepreise gute Chancen, dass der Preisdruck nachlässt und der Notenbank Spielräume für eine lockerere Geldpolitik eröffnet.  (APA/Reuters)

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    Erst vor knapp vier Wochen hatten die wichtigsten Zentralbanken der Welt in einer überraschenden gemeinsamen Aktion versucht, die massiven Verluste an den Märkten zu begrenzen und das Wirtschaftssystem zu stabilisieren - mit bisher mäßigem Erfolg.

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