Einschreiten, wieder einmal

22. Oktober 2008, 20:02
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Der Mann stand mit einem Sweatshirt in der Hand da - und ein Junge mit nacktem Oberkörper verschwand im Dunkeln

Fichtenmopednachwuchsfahrersuche
Natürlich ist es komplett sinnfrei, um die Wette mit Axt oder Kettensäge Kleinholz zu machen. Aber weil das für jeden anderen Sport genauso gilt, sucht Motorsägenland nun Nachwuchsathleten.

Es war vergangenen Mittwoch. Da wurde M. richtig böse. Und kurz darauf mailte auch A., dass es in die Kategorie „Chuzpe" falle, so eine Einladung geforwardet zu bekommen. Und Schuld sei - eh klar - ich. Dabei hatte ich M. und A. (und noch ein paar anderen Menschen) eine Freude machen wollen, als ich ihnen die Einladung aus Motorsägenland weiterschickte.

M. und A. - und noch ein paar andere Menschen - stehen nämlich auf Motorsägenland. So wie ich. Obwohl es natürlich komplett sinnfrei ist, mit (getunten) Motorsägen oder (im Wortsinn, ich habe es ausprobiert) rasiermesserscharfen Äxten um die Wette Kleinholz zu machen. Aber da die Antwort auf die Sinnfrage bei allen Sportarten gleich ausfällt, haben all die Menschen, an die ich die Einladung aus Motorsägenland weiter schickte, längst kein Problem zuzugeben, dass sie da eigentlich gerne dabei wären. Und zwar als Akteure.

Athleten

In Motorsägeland heißen solche Akteure „Athleten": Wettkampfholzhacken und Wettkampfmotorsägen ist schließlich ein echter Sport. Und seit ich im Frühherbst ein paar Tage bei der Holzfäller-Europameisterschaft in Tirol war, behaupten A. und M. (und die anderen Timbersportfreunde in meinem Umfeld), ich schuldete ihnen etwas: Es sei unerhört gewesen, da ganz alleine auf Reportage zu fahren - anstatt rechtzeitig eine nette neigungs- und also Reisegruppe zusammen zu stellen. Nur: Dass all diese Leute tatsächlich bereit gewesen wären, wegen drei Handvoll übermotivierter Waldarbeiter aus halb Europa auf einer Wettkampfbühne bis nach Tirol zu fahren, hatte ich vorher nicht gewusst. Oder auch nur geahnt.

Aber nun wollte ich meine Schuld dadurch begleichen, dass ich die Aussendung aus Motorsägenland weiter schickte: Österreich, hatte es darin geheißen, brauche nämlich dringend Nachwuchs. Sportholzfällernachwuchs. Und um den zu finden, lade K., der Staatsmeister, am 22 und am 23. November zu „Schnuppertagen" in sein „Eurojack"-Sportholzfäll-Trainingszentrum im niederösterreichischen Langschlag. (Zumindest den Ort fanden fanden dann auch M. und A. gut gewählt.) Einzige Bedingung: Alle Teilnehmer müssten über 18 Jahre alt sein. Aber sonst gelte: „Egal aus welcher Berufsgruppe, ob Forstarbeiter, Versicherungsvertreter oder Werber - alle sind eingeladen, ihr Talent unter Beweis zu stellen."

Stadtsport

Mehr brauchte ich nicht zu lesen: Ich schickte die Einladung umgehend weiter. Schließlich hatten mir ja auch die Menschen aus Motorsägenland schon bei der EM erklärt, dass das sportliche Axt- und Kettensägenmassaker gerade bei Menschen aus durch und durch urbanen Lebensfeldern, sehr beliebt sei. Der niederländische Staatsmeister etwa erzählte von einem Schnupperevent in seiner Heimat, bei der sich die Hälfte des Vorstandes eines europaweit agierenden Personal-Unternehmens begeistert mit dem Beil dem Baum genähert habe.

Den Reiz des Archaischen, Direkten und Unmittelbaren, hatte der Niederländer erklärt, könne man vielleicht mit der Faszination von Waffen vergleichen - bloß sei die Faszination aus der Kombination von Technik, Kraft und Endgültigkeit beim Holzhacken aus einer zivilisatorisch-kultivierten Perspektive wohl doch eine Spur weniger bedenklich. Und in jedem Fall weniger übel beleumundet, als schnödes Ballern. Dass der Mann Recht hatte, hatten mir dann, nach der EM, meine eigenen Freunde bestätigt.

Kleingedrucktes

Nur hatte ich aus lauter Vorfreude auf einen Ausflug ins Land der fliegenden Späne eine Kleinigkeit überlesen: Die Suche nach dem Sportholfzfällernachwuchs beschränkt sich auf Männer. Das steht so in der Einladung. Und während ich das einfach überlas, stieß es M. und A, sauer auf: Wie kämen sie dazu, uns zuzusehen? Erwarteten wir etwa, dass sie uns zujubeln würden? So toll würden wir - die Buben - mit Axt und Säge nämlich sicher nicht aussehen. Und in den USA und in Neuseeland, schmollte M. per Mail, gäbe es schließlich sogar Sportholfällerinnenprofis. Das wisse sie genau.

Das mit den Holzfällerinnen hat M. nämlich von mir. Und ich habe es von K., dem Staatsmeister. K. hatte mir bei der EM selbst von den Sportholzfällerinnen erzählt. Und offen gesagt, dass er sich für Axt-Frauen nicht begeistern könne. „Nicht wegen der Kraft, nicht wegen der Leistung - ich finde das einfach nicht schön. Das ist für mich ähnlich wie Frauenboxen: Es hat immer den Touch von Schlammcatchen - obwohl diese Frauen knallhart trainieren und genauso viel können und geben wie Männer. Aber für mich strahlt das keine Würde aus. Ich finde ja auch Männer beim Synchronschwimmen komisch."

Fichtenmopedführerschein

Damals, bei der EM, hatte dann auch die deutsche PR-Frau aus Motorsägenland noch einmal das Thema angeschnitten: In Deutschland müsse jeder, der mit der Motorsäge in den Wald gehe, eine Art Fichtenmopedführerschein machen. Weil aber immer mehr Frauen im Garten selbst Hand ans Holz legten, kämen da immer mehr Frauen zu den Kursen, die unter anderem in Baumärkten angeboten würden. Und Frauen, sagte die PR-Dame, wären danach die besseren Motorsäger. „Weil sie sich was sagen lassen. Jeder Mann hat schon eine Motorsäge in der Hand gehabt. Oder glaubt, das richtige Handling in den Genen zu haben. Das ist natürlich Blödsinn - aber damit, dass Frauen dann rascher lernen, weil sie nicht glauben, ohnehin alles zu wissen, tun sich Männer schwer."

Ms. empörte Antwort („Ich mach euch doch nicht die Cheerleaderin!") ging deshalb auch nach Motorsägeland. Dort bedauert man - und hofft auf die Zukunft. Aber M.s Freund weiß schon, was M. heuer zu Weihnachten ganz bestimmt bekommt.

 (Thomas Rottenberg, derStandard.at,. 6.November 2008)

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