Der Sound der Revolte: "Kingstonlogic 2.0"

6. November 2008, 17:00
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Agitpop für das globale Dorf: Terry Lynn verbindet jamaikanischen Dancehall mit hartem europäischen Electronic-Sound

Mit ihrer illusionslosen Sozialreportage Kingstonlogic über Armut, Drogenkriege und Bandenwesen im kriminell dank Koksschmuggeldurchflusses und damit einhergehenden Schusswaffenaufkommens reichlich gestraften Jamaika konnte die junge Sängerin aus Kingston schon vor Monaten begeistern. Jetzt ist das in jeder Hinsicht bemerkenswerte Debütalbum von Terry Lynn erschienen. Dieses sollte Arbeiten von ungemein höher gelobten, ebenfalls politisch und anklägerisch-kämpferisch ausgerichteten britischen Kolleginnen wie M.I.A. locker in den Schatten stellen.

Wo sich US-amerikanische KollegInnen gerne und ohne Credits seit einigen Jahren beim nach wie vor innovativen musikalischen Schaffen der karibischen Insel bedienen und damit fette Dollars einfahren - man führe sich nur zentrale Tracks von Missy Eliott und Timbaland vor Augen -, mangelt es den originalen Stücken jamaikanischen Ursprungs oft auch schlicht aufgrund schlecht abgesicherter Copyrights an rechtlicher Bodenhaftung. Kurz geführt: Jemand hat eine Idee, mindestens drei andere Künstler machen damit fettes Geld.

Terry Lynn bietet dem mit schnatternd-aggressiven, wie immer wieder auch beseelt mit flutschender Soulstimme intonierten Raps und Reimen Songs wie IMF (International Monetary Fund), Streetlife oder Politricks recht vehement Paroli. Wortgewaltig wie sonst nur ihre Kollegin Tanya Stephens beklagt die junge Künstlerin nicht nur im unfreiwilligen Radical-Chic der ökonomisch Ausgegrenzten den Richtung endgültigen Verfall tendierenden Zustand der jamaikanischen Gesellschaft. Jetzt bitte bloß keine Angst zeigen: Mit im europäischen Kollegenfach zwischen Tanzbodenknallern wie den französischen Justice oder Dakar & Grinser ausgeborgten Rhythmus-Patterns geht es dann selbst in scheinbar ausgelutschten Gospelhadern wie einer ziemlich derben Neubearbeitung von Rivers Of Babylon auch und immer wieder trotz Kugelhagels und Schneegestöbers um eine durchwegs positive Zukunftshoffnung.

Es mag ja alles zum Schlechten bestellt sein. Und die düsteren wie knapp gehaltenen und scharf schnalzenden Computer-Tracks von Terry Lynn wie auch im Gegensatz zur schick mit Schusswaffen posierenden US-HipHop-Konkurrenz durchwegs nicht gestellt wirkenden Videoeinspielungen von bewaffneten Burschen aus Lynns Nachbarschaft auf ihrer Myspace.com-Seite sprechen dafür:

Hier könnte eine kreative Kraft zwischen all dem billigen Bling-bling und Peng-peng erwachsen, die sich nicht nur mit dem Lob auf die eigene Kugelsicherheit beschäftigt, sondern tief in der Wunde des Postkolonialismus und dessen damit verbundenen Schattenseiten des Sozialdarwinismus rührt. Diesem verdankt Jamaika gegenwärtig die höchste Mordrate der Welt. Von wegen Bob Marleys altes Ideal: "One love". Das hier ist die Realität. Terry Lynn posiert auf den Coverfotos pflichtschuldig mit einer 45er-Magnum. Allerdings hat sie die Kugeln dann doch auch sichtbar aus dem Magazin genommen. Die Waffen einer Frau? Blödsinn! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11.2008)

Terry Lynn - Kingstonlogic 2.0 (Phree/Hoanzl)

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