Für die arabischen Intellektuellen trifft Obama den richtigen Ton

5. November 2008, 19:36
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Keine Erwartungen für einen schnellen Nahost-Friedensprozess

Nie zuvor wurde eine US-Präsidentenwahl mit mehr Aufmerksamkeit in der arabischen Welt verfolgt: Diese Wahl gehe gewissermaßen jeden etwas an, sagt Adnan Hayajneh, denn der Zustand des Hegemons sei eben überall zu spüren. Hayajneh ist Politologieprofessor und Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Haschemitischen Universität in Zarka bei Amman und Spezialist für US-arabische Beziehungen.

Wenn Obama international und auch in den arabischen Ländern so viel Zustimmung erfahre, dann sei das jedoch vor allem ein Votum gegen George W. Bush: "Alle wollen einen Wandel." Hayajneh weist auf Obamas Siegesrede hin, in der dieser genau gesagt habe, was die Welt hören wolle: "Nicht militärische Stärke habe die USA groß gemacht, sondern die amerikanischen Ideale." Die USA müssten die Werte des Liberalismus, der Menschenrechte und Demokratie wiederherstellen, die in den Bush-Jahren auch in den USA selbst beschädigt wurden.

Wenn es zu den konkreten künftigen Beziehungen der USA zur arabischen Welt kommt, erwartet aber kaum jemand etwas Neues, wobei man zuerst einmal sehen will, wer Außenminister wird. Die Position Israels bleibe in den USA erst einmal unantastbar: Ernüchtert wurde am Mittwoch auf den TV-Kanälen der israelische Militärschlag in Gaza kurz vor innerpalästinensischen Gesprächen in Kairo kommentiert. Auch Hayajneh denkt, dass der Nahost-Friedensprozess auf Obamas Prioritätenliste nicht oben steht, abgesehen davon, dass er erst einmal vor allem mit der Finanzkrise beschäftigt sein wird.

Ein Thema für Krisenzeiten

"Die USA haben sich nie besonders für eine Friedenslösung engagiert", verweist Hayajneh auf die Stationen des arabisch-israelischen Normalisierungsprozesses: Beim ägyptisch-israelischen Frieden sei der Besuch Sadats in Jerusalem wichtiger gewesen als Camp David, zu Oslo kamen die USA erst später dazu, und auch der israelisch-jordanische Frieden kam ohne ihre Vermittlung zustande.

Die USA würden sich immer erst bei einer anderen Krise in der Region darauf besinnen, dass der Nahostkonflikt gelöst werden müsste: So war die Friedenskonferenz in Madrid 1991 eine direkte Folge des Golfkriegs gegen Saddam Hussein. "Wir müssen also auf etwas warten." Das könnte unerfreulicherweise eine Iran-Krise sein.

Viel Druck komme aber diesbezüglich auch aus der arabischen Welt nicht: Eine Folge der US-Politik, namentlich der Irak-Invasion, sei, dass für viele arabische Regime der arabisch-israelische durch den sunnitisch-schiitischen Konflikt ersetzt wurde. Und für wenige arabische Länder sei der Nahostkonflikt heute so von direkter Bedrohlichkeit wie für Jordanien, wo es um Fragen der nationalen Sicherheit gehe. Darum rede man jetzt auch mit der Hamas.

Auch, wie es mit Obama konkret im Irak weitergeht, liegt im Bereich des Spekulativen: Die Iraker selbst reagierten auf die Ernennung Joe Bidens zum Vizepräsidentschaftskandidaten ja wenig begeistert, wegen seiner Teilungspläne für den Irak, die allerdings in der Zeit der größten Irak-Krise vorgestellt wurden. Klar ist, so Hayajneh, dass Obama die US-Prioritäten beim Kampf gegen die Taliban in Afghanistan sieht. Ob es längerfristig eine US-Präsenz im Irak geben und wie sie aussehen wird, sei verbunden mit der Frage der Renditen des Irak-Krieges für die USA an sich: Und die sei völlig unbeantwortet.

Konsultationen, Respekt, Unterstützung für demokratische Anliegen, Verständnis für schwächere Gruppen, so ließen sich die Hauptpunkte zusammenfassen, die sich vor allem die arabischen Intellektuellen von Obama erwarten. Beinahe mit Hingabe wurde und wird in den arabischen Medien über Obamas Wurzeln und Geschichte, auch über seine Farbe gesprochen. In der arabischen Welt wird Rassismus nicht thematisiert, ist aber sehr wohl vorhanden: je weißer, desto besser. Ob die Wahl Barack Obamas hier so etwas wie Selbstreflektion erzeugen könnte, ist noch nicht abzusehen - auch nicht, ob sie gar ein paar arabische antiamerikanische Vorurteile mildert. (Gudrun Harrer aus Amman/DER STANDARD, Printausgabe, 06.11.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein irakischer Soldat in Bagdad zwischen Wache und Obama-TV.

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