Ex-Sahara-Geiseln berichten erstmals: Ebner dachte auch an Selbstmord

5. November 2008, 19:40
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Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber: "Kein Mensch weiß, was unsere Vertreter geleistet haben" - "Wir dachten: Wir kommen heim, aber es kann ein bis zwei Jahre dauern"

Salzburg - Am Mittwochabend, knapp eine Woche nach ihrer Befreiung aus der 252-tägigen Geiselhaft in der Sahara, traten Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner erstmals an die Öffentlichkeit. Nach einem Interview in der ORF-Sendung "Heute in Österreich" gaben sie in einem Salzburger Hotel eine Pressekonferenz. Kloiber schwieg, Ebner schilderte in knappen Sätzen die Chronologie ihrer Entführung.

Touristen fangen

Begonnen habe alles in der tunesischen Wüste, etwa 30 Kilometer nördlich des militärischen Sperrgebiets, sagte Ebner. Die beiden Halleiner seien von 21 bewaffneten Männern in Jeeps umstellt und in "eine Art Dünenfestung" gebracht worden. Als erstes seien sie gefragt worden, ob sie noch über andere Touristengruppen in der Gegend Bescheid wüssten. "Ihr Hauptaugenmerk war, Touristen zu fangen aus Israel, den USA, England, Dänemark und Frankreich - in dieser Reihenfolge", berichtete Ebner. Menschen aus den vier erstgenannten Ländern hätten die "Mujaheddin" sofort getötet.

Schäferhunde getötet

Als nächstes töteten die Entführer "unsere beiden Schäferhunde", sagte Ebner. Nachdem die Terroristen Hubschrauber gesichtet hatten, sei die Suche nach anderen Reisegruppen abgebrochen worden. Die Entführer seien in Richtung Algerien und weiter nach Mali gefahren.

Ebners Freundin Andrea Kloiber habe psychisch gelitten, weil die Terroristen kaum jemals mit ihr sprachen: "Für die Andrea war es eine Katastrophe." Innerlich hätten sich die beiden schon auf eine sehr lange Geiselnahme eingestellt, sagte Ebner: "Wir haben immer gesagt: Wir kommen heim, aber es kann ein bis zwei Jahre dauern."

Lob für Plassnik

Lobende Worte fand Ebner für das Außenministerium: "Sie haben sich weit hinausgelehnt, sie haben die besten Leute eingesetzt." Mediale Kritik an Ministerin Plassnik könne er nicht nachvollziehen: "Als die Frau Plassnik in Bamako zu uns gekommen ist, hat sie uns umarmt und geweint, und wir haben auch geweint. Da war überhaupt keine Presse dabei." Er selbst sei strikt dagegen gewesen, den Lösegeldforderungen der Terroristen nachzugeben, sagte Ebner: "Ich war der Meinung, die sollen kein Geld kriegen. Deswegen wollte ich am Anfang auch Selbstmord begehen. Der Staat darf sich nicht erpressen lassen."

Plötzlich waren drei Autos da

Die Befreiung sei unspektakulär gewesen, berichtete Ebner im ORF-Interview: Gerade als man sich einen Schattenplatz in der Wüste gemacht hatte, seien drei Männer mit MPs gekommen. Andrea Kloiber habe nicht gewusst, ob sie sich fürchten solle. Darauf habe einer der Männer gesagte: "Vielleicht werden heute eure Probleme gelöst." Man habe mit allem gerechnet, bis hin zu einer militärischen Aktion, sagte Ebner. Plötzlich seien drei Autos da gewesen. Das Gefühl der Sicherheit sei aber erst viel später gekommen, als man erste Österreicher getroffen habe.
(Markus Peherstorfer/ DER STANDARD Printausgabe 6.11.2008)

 

 

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