Obama - ein "Held" der Popkultur?

5. November 2008, 19:18
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Entscheidend für den Wahlsieg des demokratischen Kandidaten waren weniger politische Parolen und Versprechen... - von Andreas Pribersky

...als vielmehr deren im wahrsten Sinne "geistesgegenwärtige" Verknüpfung mit der Medienwelt der Internetgeneration

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Da in den Reaktionen auf diese Wahl oft von einem "historischen Augenblick" die Rede ist, soll hier daran erinnert werden, dass diesen zu Beginn der demokratischen Vorwahlen kaum ein Experte vorausgesagt hat. Auch nach dem ersten Vorwahlsieg Obamas in New Hampshire wurde dieser als zwar bemerkenswert, aber als Außenseitererfolg angesehen. Die inzwischen als Muster für aktuelle Wahlkampfstandards gelobte Kampagne wurde so zunächst kaum wahrgenommen, wohl weil eine ihrer zentralen Charakteristika die politische Kommunikation über Alltagskultur und Lifestyle war, die in ihrer Wirkung auf die politische Öffentlichkeit unterschätzt werden.

Der "Oprah"-Effekt

Als zentrales Ziel einer Personality-Kampagne - und welche aktuelle Wahlkampagne ist das nicht - gilt die Herstellung von Glaubwürdigkeit: Obama hat sie nicht als Politiker, sondern als (Bestseller) Autor zweier Autobiografien ("Dreams of my Father", "The Audcity of Hope") erworben, die sich als Aufstieg über Schicht- und Rassenschranken und als ein Zeugnis sozialen Bewusstseins aufgrund der Herkunft lesen. Wesentlich für sein Politiker-Image wurde der Akzent auf der Überwindung der Rassenschranken: Obama tritt in der Populärkultur weniger als erster schwarzer Kandidat für das Präsidentenamt, denn als erster Kandidat einer "post-racial era" in Erscheinung.

Bereits im Vorwahlkampf erhielt er das dafür entscheidende "endorsement" der TV-Ikone Oprah Winfrey, deren tägliche Show aus einer Verbindung von US-Alltag und Celebrity gemixt wird: "the Oprah Show" und deren Fangemeinde sind "farbenblind". Darüber hinaus hat sein Auftritt und die Unterstützung Oprahs - deren Biografie dieselben Muster verwendet - ihm die Türen zum Boulevard geöffnet: laut New York Times hat kein Vorwahlkandidat je so viel Aufmerksamkeit in Life-Style-Medien erhalten. Obama ist also nicht bloß über die "news" in die US-Haushalte gekommen, er war dort bereits gerngesehener Gast, als er an politischem Profil gewonnen hat. Dieser "Glaubwürdigkeits-Vorsprung" hat wesentlich dazu beigetragen, dass Krisenmomente wie das skandalträchtige Reverend-Wright-Video ihn kaum beschädigen konnten.

Animateur der "Community"

Zentrale Slogans der Kampagne wurden aus der Biografie des Kandidaten entwickelt. "Hope", positive Zukunftsorientierung, blieb in den sich zuspitzenden Krisen des US-Selbstbewusstseins - Irak- und Wirtschafts-Desaster - der von Hillary Clinton wie von McCain betonten Erfahrung, die sie in der "alten" Politik gesammelt haben, überlegen.

"Change" wird - noch vor jeder konkreten Politik - als Wechsel im politischen Stil sichtbar: Die Obama-Kampagne gilt zu Recht als die erste, die Internet und E-Mail als Dialogmedium zur Organisation einer "grassroot"-Bewegung einsetzen. Über diese Medien werden nicht bloß zentrale Kampagne-Botschaften verbreitet, sondern Basisgruppen organisiert, die den Wahlkampf in ihrer Lebenswelt selbst bestimmen. Hier tritt Obama aufgrund seiner Vergangenheit als Community Organiser in Chicagoer Vorstädten als authentischer Animateur der virtuellen Community auf. Durch die Mobilisierung neuer, junger Wählerschichten, die in dieser Medienwelt leben, wird die Wirkung der Botschaft multipliziert.

Das Rekordspendenaufkommen ist vor allem Ergebnis eines Webauftritts, der nicht in erster Linie auf finanzielle Unterstützung oder bloße Zustimmung abzielt, sondern Beteiligung und Mitwirkung am politischen Prozess verspricht. Mithilfe dieser neuen Wählerschichten hat Obama bereits die Primaries am Partei-Establishment vorbei entschieden.

Dieser Stil kommt schließlich in der Formulierung der "Kampfparole" "Yes, we can" zum Ausdruck, die einen bemerkenswerten Bogen spannt: In einer Rede legt Obama sie einerseits den US-Gründervätern als deren Reaktion gegen alle Widerstände der Zeit in den Mund - in seiner Kampagne geht es um nichts weniger als die Wiederholung dieses Gründungsaktes: daher die zuweilen geradezu religiöse anmutende Überhöhung. Zugleich wird der Slogan - und damit der Kandidat - im gleichnamigen Musikvideo von will.i.am zur Stilikone einer Jugendkultur.

"Permanent campaigning"?

Im Obama-Camp wurde bereits vor der Wahl die Frage aufgeworfen, wie dieses sogenannte "Momentum" der Kampagne im Präsidentenamt erhalten werden kann: eine Antwort ist ein Regierungsstil mit einem Fokus auf einzelne, große gesellschaftliche Themen - wie Ökonomie und Steuern, Rückzug aus dem Irak, etc. -, die jeweils eine Periode der Amtszeit mit einem Begriff überspannen, an dessen Formulierung und Durchsetzung die im Wahlkampf etablierten Netzwerke weiterhin teilhaben sollen. Die Öffentlichkeit der Netzwerke soll ein Scheitern an Lobbyisten und Sonderinteressen, wie das der Gesundheitsreform der Clinton-Ära, verhindern.

Gelingt es, damit den Gegensatz zum Polit-Establishment und die Involvierung der "grassroots" aufrechtzuerhalten, könnte darin die versprochene "Politik neuen Stils" sichtbar werden. Oder aber: die Fortsetzung der Kampagne im politischen Alltag.

*Andreas Pribersky lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und ist vor kurzem von einem einjährigen Forschungsaufenthalt im Rahmen des "Marshall Plan Chair"-Programms an der University of New Orleans zurückgekehrt.  (DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2008

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