Über die Flut in der Ebbe

5. November 2008, 18:45
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In der österreichischen Bundesliga fallen viele Tore. Herbert Prohaska und Andreas Herzog freuen sich über diese Entwicklung. Allerdings könnte sie auch ein Indiz dafür sein, den Anschluss ganz verloren zu haben

Wien - Man soll nicht unbedingt von Flaute oder gar einer Taschenbuchausgabe des italienischen Catennachio sprechen, aber das 3:3 im Nachtragsspiel zwischen Austria Kärnten und Rapid lag unter dem Schnitt. In den fünf Partien der 13. Runde sind nämlich 31 Tore gefallen, also 6,2 pro Match. Rausreißer waren am 18./19. Oktober das 6:5 von Sturm in Mattersburg und das 4:3 von Salzburg in Altach. So eine Ausbeute hat es seit Schaffung der österreichischen Bundesliga im Jahre 1974 noch nie gegeben. Die alte Bestmarke lag bei 27 Stück. Sie wurde am 18. Mai 1976 aufgestellt, auch die älteren Fans erinnern sich daran nicht.

Experten, zum Beispiel Chefanalytiker Herbert Prohaska und Teamchef-Assistent Andreas Herzog, finden sich mit der Torflut ab. "Es ist doch schön, wenn Treffer fallen, machen wir nicht alles schlecht." Bei differenzierter Betrachtung orten sie freilich Defizite, die These "Je schlechter gekickt, desto häufiger wird getroffen" sei, so Prohaska, "nicht völlig von der Hand zu weisen. Aber die Bündelung in der 13. Runde ist Zufall".

Allerdings hat es in der laufenden Meisterschaft schon einige skurrile Ergebnisse gegeben: Salzburg gegen Kapfenberg 7:3, Altach gegen Rapid 2:7, Sturm gegen Altach 6:0, LASK gegen Rapid 2:5. Herzog bietet einige Erklärungen an: "Salzburg spielt unter Adriaanse weit offensiver. Bei Trapattoni begnügte man sich mit knappen Siegen und dem Verwalten von Ergebnissen. Und dann ist das Gefälle heuer größer geworden. Altach, Aufsteiger Kapfenberg und Mattersburg hinken hinterher. Normal sind maximal zwei Teams deutlich schwächer als der Rest."

Bei Mattersburg sei der Jammer vor allem auf das Karriereende von Didi Kühbauer und den Wechsel von Christian Fuchs nach Bochum zurückzuführen. Dass Kapfenbergs Präsident Erwin Fuchs unlängst erklärt hat, seine Mannschaft sei "zu dumm für diese Liga", wollte Herzog nicht kommentieren. "Aber eine gewisse Naivität ist offenkundig. Die sollte man sich im Fußball sparen. Andererseits ist es auch naiv, wenn Meister Rapid in Überzahl gegen Kärnten drei Tore kassiert. Da sollte einem Trainer zu denken geben." Peter Pacult dachte sogar laut nach, er pickte Verteidiger Andreas Dober raus. "Er sollte schön langsam beginnen, über seine Fehler nachzudenken."

Prohaska möchte den Torreigen nicht unbedingt in Zusammenhang mit dem frühen Scheitern der Klubs im Europacup und dem von jeglicher Genialität befreiten Nationalteam bringen. "Auch in der Champions League falle viele Tore. Man kann nicht sagen, dass es dort ein Zeichen von Qualität und bei uns eines von Niveaulosigkeit ist. Schlimmer wäre, international abzubeißen und in der Liga wenig Tore zu schießen. Schielen wir nicht immer in die große Welt, Österreich kann sich nur als Ausbildungsland profilieren."

Dass die heimischen Stürmer urplötzlich zu Giganten mutiert sind, streitet Prohaska ab. "Marc Janko wird Salzburg und das Land bald verlassen. Ein österreichischer Stürmer muss aber mindestens 25 Tore machen, um international interessant zu werden." Janko hält bei 17 Treffern, 21 Runden stehen noch aus, er liegt also weit über dem Plan. Die Bundesliga sei, so Prohaska, arm an starken Verteidigern und Torleuten. "Prödl, Garics, Pogatetz, Stranzl, Scharner, Manninger oder Macho kicken eben im Ausland." Herzog bleibt äußerlich gelassen. "Immerhin ist in den Stadien etwas los." (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 6. November 2008)

 

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    Das ist die Anzeigetafel vom 18. Oktober 2008. Heim steht für Mattersburg, Gast für Sturm Graz. Und Zeit für Zeit.

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