Ruhestätten in der Flughafenhektik

5. November 2008, 18:33
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Andreas Duscha zeigt im Österreichischen Museum für Volkskunde bis Mitte November seine Fotoserie von 24 interreligiösen Andachtsräumen auf Flughäfen in aller Welt

Wien - Wer sich auf dem Flughafen Schwechat der Andacht widmen will, muss hinter den Zollfreiladen, mit einem schwerfälligen Lastenaufzug in den zweiten Stock und um die Ecke in einen Raum, dessen Zweck als "Mediation" angeschrieben ist.

Es sollte wohl Meditation heißen. Doch das zeigt nur, dass die Andachtsstätte nicht eben im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Ein beliebiges Zimmer wurde ökumenisch möbliert und mit Druckwerken der Weltreligionen ausgestattet. Damit wollte die Betriebsgesellschaft in den Achtzigerjahren dem damals wachsenden Trend zu allgemein religiösen Rückzugsorten gerecht werden.
Dem Fotografen Andreas Duscha waren diese Orte aufgefallen. Er machte sie zum Thema einer vergleichenden Arbeit und einer Ausstellung. Im Österreichischen Museum für Volkskunde fand er dafür die richtige Umgebung, mit Sinn für die kulturwissenschaftliche Relevanz des Themas.

Das Museum machte aus der Not der chronischen Unterdotierung die Tugend einer kleinen, aber feinen Schau. 24 "Places of Worship - Interreligiöse Gebetsräume auf Flughäfen" sind als großformatige Transparentfotos in Leuchtkästen in einem dunklen Raum ausgestellt, Andacht und Tiefe werden damit angedeutet. Der Betrachter kann Vergleiche anstellen, auf welche Weisen die Räume weltweit ein- und ausgerichtet wurden; welche Symboliken Gemeinsames oder zumindest niemanden Störendes vermitteln sollen; wie dem klaustrophoben und zumeist neonbeleuchteten Interieur etwas nachgeholfen werden kann (die häufigste Antwort darauf: mit Plastikpflanzen).

Die Lösungen schwanken zwischen christlich-frommen Malereien und nackten Projektionsflächen für die eigene Befindlichkeit, zwischen einer Orientierung auf altarartige Tische und glatter Symmetrie. Am radikalsten: ein mannsdicker Baumstamm im Zentrum eines kleinen Andachtsraums im Flughafen München. Die einzige Konstante in so gut wie allen Räumen: "Makkah Qibla" und "Qiblat" , Hinweise für Muslime auf die Gebetsrichtung.

Für Duscha sind "die Räume an sich interessant und was die jeweiligen Betreiber aus ihnen gemacht haben" . Er hat alle Places of Worship menschenleer aufgenommen, mit demselben Weitwinkel in nüchterner, meist mittensymmetrischer Art. Das erinnert an die Schule der Bechers und deren Industriefotografie. Weltweit gibt es bereits 167 solcher - überwiegend interreligiöser - Rückzugsstätten. Das hat auch mit dem Anwachsen strenggläubiger Muslime und Evangelikaler zu tun - in deren Regionen findet sich die Mehrzahl der Andachtsräume.

Was ihnen gemeinsam ist: In der Airport-Umgebung, die ständig Gefahr, Kontrolle und Terrorangst suggeriert, sollen sie Sicherheit und Halt bieten. Dazu haben sie für jeden das Seine parat: Andacht nach dem Baukasten-Prinzip. (Michael Freund / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11.2008)

 

Bis 16. November im Museum für Volkskunde, Laudongasse 15–19, 1080 Wien.

Link: www.volkskundemuseum.at

  • 167 Rückzugsstätten für Flugreisende gibt es weltweit, dieser findet sich am Phoenix International Airport.
    foto: duscha

    167 Rückzugsstätten für Flugreisende gibt es weltweit, dieser findet sich am Phoenix International Airport.

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