
"Wenn ich nichts weiter zu tun habe, dann schreibe ich den ganzen Tag." Niklas Luhmann - hier 1995 in Wien - hinterließ 200 Kisten mit Texten, die jetzt erst erschlossen werden.
Bielefeld/Wien - "Mein Projekt lautete: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine." Mit diesen Worten fasste Niklas Luhmann ein Jahr vor seinem Tod zusammen, was er sich am Beginn seiner akademischen Karriere vorgenommen hatte. Lakonische Ergänzung: "Die Schwierigkeiten des Projekts waren, was die Laufzeit angeht, realistisch eingeschätzt worden."
In diesen dreißig Jahren war der Soziologe aus Bielefeld vor allem mit einem beschäftigt: "Wenn ich nichts weiter zu tun habe, dann schreibe ich den ganzen Tag", meinte er einmal. Auf die Frage, was er mache, wenn die Arbeit an einem Manuskript ins Stocken gerate, antwortete er trocken: "Na, andere Bücher schreiben." Auf diese Weise kam er auf mehr als 50 Bände und über 400 Fachartikel. Und nach seinem Tod wartete ein hüfthoher Manuskriptstapel auf posthume Veröffentlichung.
Durch einen Erbrechtstreit zwischen Luhmanns Tochter und seinen Söhnen, der erst vor wenigen Monaten beendet wurde, konnte man freilich jetzt erst mit der Bearbeitung des weiteren Nachlasses beginnen. "Insgesamt haben wir nun 200 Kisten mit Unterlagen erstmals grob erfasst", sagt André Kieserling, Luhmann-Schüler und wie sein Lehrer Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.
Textverarbeitungsmaschine
Seine Werke vor 1984 - und zumal die zahlreichen unpublizierten - betrachtete die menschliche Textverarbeitungsmaschine allerdings als "Nullserie". In dem Jahr nämlich erschien der Band "Soziale Systeme", für Luhmann das knapp 700-seitige "Einleitungskapitel" zur seiner Gesellschaftstheorie. Gemäß seiner Einsicht, dass die heutige Gesellschaft aus vielen gleichgeordneten, "eigensinnigen" Teilsystemen bestehe, legte der 1927 geborene Luhmann in den folgenden Jahren weitere Kapitel bzw. Wälzer vor, in denen es um die Wirtschaft, die Wissenschaft, das Recht und die Kunst der Gesellschaft ging.
Ein solches vieltausendseitiges Megaprojekt gab es zuletzt im 19. Jahrhundert, damals hieß der Denker Georg Friedrich Wilhelm Hegel. In monomanischer Anstrengung musste Luhmann dafür ein neues Begriffsinstrumentarium entwickeln, das auch zu erheblichen Verständnisproblemen bei Kollegen und Studenten führte - und Luhmann den Beinamen "Sphinx von Bielefeld" eintrug, obwohl der einer der größten Stilisten und Ironiker seines Fachs war.
"Theorie soll ein Faktor sein, der Irritation erzeugen kann, um andere Leute zu bewegen, selbst zu denken", sagte Luhmann in einem Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen drei Jahre vor seinem Tod. Und erzählte mit seiner sanften hellen Stimme von einem Handlungsreisenden, der sein Buch 'Liebe als Passion' gekauft, es gelesen und dem Autor mit einem wütenden Brief zurückgeschickt hat.
Man kann sich denken, warum: Der Band gehört zu den wohl abstraktesten Behandlungen des Themas. Nichtsdestotrotz sei 'Liebe als Passion' nach wie vor das Luhmann-Buch, das sich mit am besten verkauft, sagt Andreas Gelhard, der für Luhmann zuständige Lektor beim Suhrkamp Verlag.
Fundstücke aus dem Nachlass
Vor wenigen Wochen erst erschien dort das Büchlein "Liebe. Eine Übung", das auf eine Lehrveranstaltung aus dem Jahr 1969 zurückgeht. Der blendend formulierte Essay ist voller hellsichtiger Beobachtungen eines scheinbar trivialen Themas - und eines der erste Fundstücke aus dem Nachlass.
Mit mehr Veröffentlichungen darf gerechnet werden, wie André Kieserling sagt: In den 200 Kisten fanden sich unter anderem auch ein dickes Manuskript für ein Buch über Erziehung, eine "politische Soziologie" sowie eine 800-seitige Gesellschaftstheorie von Mitte der 1970er-Jahre.
Und dann natürlich: Luhmanns legendärer Zettelkasten, der in sechs Kisten zu je vier Schubladen mehrere 10.000 Zettel enthält. Der gigantische Hypertext, der sich selbst wie ein Buch liest, soll eingescannt und abgeschrieben werden. "Aber zuerst einmal müssen wir das Geld dafür ausstellen", so Kieserling. "Und dann wir das sicher noch etliche Jahre dauern." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 11. 2008)
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Veranschaulicht die aktuellen Verhältnisse in Geistes- und Sozialwissenschaften, dass Geld dafür fehlt, Luhmanns Zettel abzuschreiben. Luhmann war nicht nur, wie erwähnt, vielleicht der größte Theoretiker des 20. Jahrhunderts, sondern einer der hellsten Köpfe, den die Weltgeschichte überhaupt hervorgebracht hat. Dem präsenten Weltbild fehlt jedoch der Zugang zu Luhmanns Werk. Es bleibt im Hintergrund. Der 10. Todestag Luhmanns wurde medial verschlafen.
"Der gigantische Hypertext, der sich selbst wie ein Buch liest, soll eingescannt und abgeschrieben werden."
Luhmanns Zettelkasten liest sich wie ein Buch? Oder ist Luhmanns Zettelkasten nicht vielmehr eine analoge Annäherung an den Hypertext (www.identifizierung.org).
Eine dieser mythenumwobenen Industriestädte Ostwestfalens- eine Art deutsches Shangrila, wo Dr. Oetker Puddingpulver und Prof. Niklas Luhmann Systemtheorie herstellten, ereignisarm irgendwo an der Bruchstelle zwischen Handfest-Prosaischem und Irrealem gelegen.
In D sagt man zum Abschied ja gerne: "Und seh'n wir uns nicht in dieser Welt, dann seh'n wir uns in Bielefeld!"
http://de.wikipedia.org/wiki/
Bielefeldverschw%C3%B6rung
?!
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