Ein Schwarzer im Weißen Haus: Klasse statt Rasse

5. November 2008, 18:20
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Neben der Rassenschranke vor dem Weißen Haus scheint langsam auch die Barriere in manchen Köpfen zu bröckeln

Es sah so aus, als ob sich mit der Wahl Barack Obamas der Traum von Martin Luther King über das Ende des Rassismus in den USA erfüllt hätte. Und tatsächlich fällt ja mit dem Einzug eines Schwarzen ins Weiße Haus die letzte, vor kurzem noch für unüberwindbar gehaltene Rassenbarriere. Dem Exkandidaten Jesse Jackson, der nicht immer von Obama begeistert war, kamen die Tränen.

Es fiel aber auf, dass es Obama vermied, sich als Kandidat der schwarzen Minderheit zu präsentieren. Die Unterstützung sei von allen Seiten gekommen, sagte er in seiner Siegesrede, "von Jungen und Alten,", von "Schwarzen, Weißen, Hispanics, Asiaten, Indianern, Schwulen und Heterosexuellen, Behinderten und Nichtbehinderten". Er sprach von den "arbeitenden Männern und Frauen" die ihm mit ihren kleinen Spenden in der Hoffnung auf "change" halfen.

"Klasse statt Rasse" schien, auf den Punkt gebracht, Obamas Taktik zu lauten. Unter den Motiven der Wähler rangierte die Angst vor der Wirtschaftskrise ganz vorn. Und die Schwarzen, die im Schnitt um ein Drittel weniger verdienen und doppelt so häufig arbeitslos sind wie weiße US-Bürger, bräuchten einen sozialpolitischen Wandel noch mehr.

Später in seiner "acceptance speech" holte Obama nochmals weiter aus. Er erwähnte die 106-jährige Ann Nixon Cooper, die sich vor einem Wahllokal in Atlanta im Südstaat Georgia angestellt habe. Zur Zeit ihrer Geburt, eine Generation nach Abschaffung der Sklaverei (1865), hätten Menschen wie sie aus zwei Gründen nicht wählen können: wegen ihrer Hautfarbe und weil sie Frauen waren.

Doch während das Frauenwahlrecht in den USA 1920 verwirklicht wurde, dauerte es bis in die 1960er-Jahre, ehe sich schwarze Bürgerrechtler das Wahlrecht erkämpft hatten. Es war Präsident Lyndon Johnson aus Texas, der die entsprechenden Gesetze durchdrückte. Kennedy-Nachfolger Johnson, bei der Jugend wegen seiner immer tieferen Verstrickung in den Vietnamkrieg damals verhasst, war zugleich ein Sozialreformer und der letzte Demokrat, der im Süden der USA unter Weißen die Mehrheit gewann.

Die Südstaatendemokraten waren ja ursprünglich die Befürworter der Sklaverei gewesen, die deswegen gegen den Republikaner Abraham Lincoln in den Sezessionskrieg zogen. Ihre Nachkommen wurden von den Republikanern Nixon und Reagan mit rechten Sprüchen und rechter Politik zum Lagerwechsel animiert. Auch auf der Wahlkarte des Jahres 2008 dominiert im Süden der USA weiterhin das Rot der Republikaner. Aber in Florida, Virginia und wahrscheinlich auch in North Carolina lag Obama voran. Neben der Rassenschranke vor dem Weißen Haus scheint langsam auch die Barriere in manchen Köpfen zu bröckeln. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2008)

 

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