Verwirrung im politischen Spektrum

7. November 2008, 10:10
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Konservative entdecken ihre Liebe zur Verstaatlichung, Sozialdemokraten beschließen strenge Fremdengesetze - Wer soll sich da noch auskennen, was links und was rechts ist?

"Linke Multi-Kulti-Träumereien" ortete VP-Generalsekretär Hannes Missethon im vergangenen Nationalrats-Wahlkampf gerne bei Grünen und SPÖ. "Rechte Hetzer" sehen dafür die Grünen bei BZÖ und FPÖ. Wiens Bürgermeister Michael Häupl warnte vor einer "rechts-rechten Koalition"von FPÖ, BZÖ und ÖVP, während FP-Chef Strache vor der Wahl ortete, dass sich die "politische Linke" auf dem absteigenden Ast befinde. Wer wen wo auf der Skala des politischen Spektrums einordnet, ist auch eine Frage des eigenen Blickwinkels. Was für den einen ein Extrem auf der linken oder rechten Seite ist, ist für den anderen die goldene Mitte.

Österreicher wollen die Mitte sein

Im Sommer 2008 wollte eine IMAS-Studie von den ÖsterreicherInnen wissen, wo sie sich auf der politischen Skala einstufen. Das Ergebnis war, im wahrsten Sinne des Wortes, durchschnittlich: Die Österreicher positionierten sich mit einem Durchschnittswert von 50,8 knapp rechts der neutralen Mitte (die bei einem Wert von 50 angenommen wurde). Im Gegensatz dazu sahen sich die Deutschen bei einem Wert von 49,4 leicht links orientiert.

Während sich die Befragten selbst vor allem in der politischen Mitte sahen, stuften sie die politischen Parteien zum Teil deutlich extremer ein. Die österreichischen Sozialdemokraten wurden beim Wert 39 relativ weit links vermutet. Die ÖVP lag bei 58, das BZÖ bei 67. Die äußersten Positionen nahmen aus Sicht der Befragten FPÖ und Grüne ein. Die Grünen hatten einen Durchschnittswert von 32, die Freiheitlichen bei 68 - beide wären diesem Ergebnis nach also zwar auf verschiedenen Seiten, aber gleich weit von der Mitte entfernt.

Links, rechts oder im Kreis

Diese Werte machen aber nur Sinn, wenn man vom politischen Spektrum als einer Geraden ausgeht, auf der sich die politischen Einstellungen linear abbilden lassen. Ein Schema, das sich dafür anbietet würde in etwa so aussehen: Linksextrem - linksradikal - links - mitte - rechts - rechtsradikal - rechtsextrem. Für viele Politologen ist diese Aufreihung aber nicht das Gelbe vom Ei. Ist das politische Spektrum tatsächlich eine Linie mit zwei extremen Enden? Oder vielleicht doch ein Kreis? In dem würden sich die extreme Rechte und die extreme Linke schlussendlich begegnen.

Aber lassen sich politische Überzeugungen überhaupt so eindimensional abbilden? Konservativismus, Liberalismus, Neo-Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Marxismus, Monarchismus, Faschismus - die Möglichkeiten, Überzeugungen politisch einzuordnen, sind riesig. Fortschrittlichere politologische Zugänge versuchen, mit Berücksichtigung von Einstellungen zu Sicherheit, Freiheit, Gleichheit und Werteordnungen ein mehrdiemensionales Spektrum zu entwickeln, das weit über "Links" und "Rechts" hinausgeht.

Parteienverwirrung

Verwirrend wird es dann, wenn klassisch "rechte" Themen von Linken besetzt werden und umgekehrt. Die vergangenen Jahre und Tage zeigten auch in Österreich, dass Links und Rechts nicht in Stein gemeisselt. Plötzlich wird von Konservativen munter verstaatlicht, Sozialdemokraten beschließen rigide Fremden- und Asylgesetze und der klassische "kleine Arbeiter" sieht sich bei der FPÖ besser vertreten als bei der SPÖ. Aber keine Sorge, die Wandlungsfähigkeit irritiert nicht nur uns. Ernst Jandl thematisierte sie in seinem Gedicht "lichtung":

"manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum!"

(Anita Zielina, derStandard.at, 7.11.2008)

  • Wer im politischen Spektrum einmal falsch abbiegt, wird verwirrt feststellen: Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.
    montage: derstandard.at
    Montage: derStandard.at

    Wer im politischen Spektrum einmal falsch abbiegt, wird verwirrt feststellen: Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

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