Amerika wählt seine Zukunft

5. November 2008, 18:13
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Mit Obama kommen die USA an das Ende einer langen Ära der Polarisierung

Es ist eine Zeitenwende wie 1960 oder 1980. Wie John F. Kennedy und Ronald Reagan steht Barack Obama für einen neuen Aufbruch, ein neu erfundenes Amerika. Unter dem kommenden Präsidenten soll eine lange Ära der Polarisierung ihren Abschluss finden, das "Ende des Nixonlandes" (wie die New Republic unter Verweis auf ein wichtiges Buch aus den 1970er-Jahren schreibt) soll endlich kommen. In Washington ist eine neuen Zusammenarbeit gesucht, über die Grenzen der Parteien, der Ideologien und der Ethnien hinweg. Schmutzige Tricks und niederträchtige Kleinlichkeit haben das Land lange genug politisch gespalten.

Obama ist mit einer brillanten Kampagne an die Macht gekommen, auf Untergriffe und einen Negativwahlkampf hat er verzichtet. Vor allem die jungen Wähler honorierten das. Sie folgten Obama in beeindruckender Zahl, auch wenn seine Visionen mitunter recht unbestimmt daherkamen. Sie entschieden sich dennoch für den afroamerikanischen Senator, ihre Zukunft und nicht für John McCain, den Mann der Vergangenheit. Die Zeit des (k)alten Kriegers war abgelaufen, noch bevor der Wahlkampf richtig begonnen hatte. Eine polarisierende, angsteinflößende Wertekampagne, wie sie die Republikaner im September unter Assistenz der schneidigen Sarah Palin versuchten - und wie sie schon bei George W. Bush zweimal erfolgreich exekutiert wurde -, war in einer tiefen Wirtschaftskrise alles andere als zeitgemäß.

Mit dem beeindruckenden Pendelschlag auf die Seite des Demokraten haben sich auch die schon verloren geglaubten Selbstheilungskräfte des amerikanischen politischen Systems gezeigt. Nach den deprimierenden Bush-Jahren, in denen der Präsident und seine Kamarilla gegen alles verstießen, wofür die Amerikaner zu stehen glauben, haben sich die US-Bürger der kryptokonservativen Welle entgegengestellt und sie brechen lassen. Guantánamo, geheime CIA-Flüge, die stetige Aushöhlung der Bürgerrechte, illegitime Feldzüge sind im neuen Amerika Barack Obamas nicht mehr mehrheitsfähig. Sein Gesicht steht für das gute, respektable Amerika, das auch die Menschen in der Welt wieder mögen können - und auch wollen.

Dazu hat er gezeigt, dass der amerikanische Traum, es als Nobody aus dem Nichts bis ins Weiße Haus zu schaffen, nicht eine bloße Schimäre ist. Die amerikanische Gesellschaft ist noch durchlässig für das Neue und Unkonventionelle. Nicht nur alteingesessene Dynastien, auch Emporkömmlinge haben eine amerikanische Zukunft.

Sein Triumph allerdings verpflichtet den neuen Präsidenten auch. Die Erwartungen an Obama sind enorm. Und er selbst ist der Erste, dem das bewusst ist. Auf der Siegesfeier in Chicago wirkte er nicht nur so cool und locker wie üblich. Vor den mehr als 100.000 frenetischen Anhängern, die ihn fast wie einen Messias feierten, schien er der Einzige zu sein, der sich der Last der neuen Aufgabe bewusst war.

Die Party ist mit dem heutigen Tag vorbei. Predigerstil und politische Symbolik reichen nicht mehr aus. Jetzt muss Barack Obama Ergebnisse liefern, sonst wird nichts aus der Zukunft für Amerika. Beginnt er in den ersten Wochen seiner Präsidentschaft nicht mit einem ganz neuen Stil und ganz neuen Akzenten, sind die alten Muster in Washington schneller wieder da, als es Obama und seinen Wählern lieb sein kann.

Die Spielräume, die er für politische Manöver neuer Art hat, sind so eng wie bei kaum einem anderen Präsidenten in den vergangenen Jahrzehnten. Wenn Barack Obama es schafft, sie erfolgreich zu nutzen, hat er nicht nur einen historischen Sieg errungen, sondern - yes, he can - auch eine historische Präsidentschaft hingelegt. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2008)

 

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