Genom-Analysen: Immer besser, aber umstritten

5. November 2008, 19:09
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US-Forscher haben das gesamte Erbgut eines Afrikaners in nur acht Wochen entziffert - Sinnhaftigkeit und mögliche Verbote von privaten Gen-Analysen diskutiert

London/Wien - Vor gar nicht allzu langer Zeit brauchte es dafür noch Jahre und Hunderte Millionen Dollar. Nun haben US-Forscher das gesamte Erbgut eines Afrikaners - 3,2 Milliarden Bausteine - in nur acht Wochen entziffert. Sie benötigten dafür nur rund 100.000 Dollar (etwa 80.000 Euro) und arbeiteten zugleich mit einer bisher unerreichten Präzision. Chinesische Genetiker sequenzierten in ähnlicher Zeit die DNA eines Han-Chinesen. Beide Teams veröffentlichten die Daten im Fachjournal "Nature" (Bd. 456, S. 53 bzw. 60).

Die jetzt publizierten Genome gehen auf das Verfahren des Biotechnik-Unternehmens Illumina (Großbritannien/USA) zurück. In den acht Wochen wurde das Genom im Durchschnitt mehr als 30 Mal gelesen. Dies ist nötig, um die zunächst einzeln sequenzierten Erbgut-Schnipsel in die korrekte Reihenfolge zu bringen.

"Unser Ansatz ist effektiv für das akkurate, schnelle und ökonomische Sequenzieren ganzer Genome und viele andere biomedizinische Anwendungen", schreibt dazu das Team um den Illumina-Forscher David Bentley.

In Kalifornien verboten

Während die Technik weiter rasante Fortschritte macht, wird um die Sinnhaftigkeit und mögliche Verbote von privaten Gen-Analysen diskutiert, die von Firmen wie 23andMe oder deCODE über das Internet angeboten werden. Governeur Arnold Schwarzenegger hatte diese für Kalifornien erst kürzlich unter Strafe gestellt.

Ebenfalls in der neuen Ausgabe von Nature kritisieren die österreichischen Politikwissenschafter Ursula Naue, Barbara Prainsack und Herbert Gottweis, dass der klinische Nutzen dieser Tests unklar sei, und dass die Kunden entweder unnötig verängstigt oder aber auch fälschlich beruhigt werden könnten. Zu oft werde "im Fahrwasser des Gen-Test-Hypes" vergessen, dass Lebensstil- und Umweltfaktoren häufig viel wichtigere Faktoren in der Krankheitsprävention darstellten als genetische Information.

Die Forscher warnen aber auch, dass es für eine vorausschauende politisch-rechtliche Steuerung zu früh sei. Das Angebot an Information, um selbstverantwortliche Entscheidungen fällen zu können, sei nämlich erst im Entstehen begriffen. (dpa, APA, tasch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 11. 2008)

 

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