"Gute Kampagne, ein guter Bursche"

5. November 2008, 17:34
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Hoffen und Feiern für Obama: Die Präferenzen der Wiener Wahlparty-Besucher waren aufseiten der Demokraten

Selbst bei der offiziellen Election Night der US-Botschaft hatten es die Anhänger der Republikaner schwer.

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Auf der Wahlparty der US-Botschaft hört dem Botschafter kaum einer zu. "Meine Herrschaften, ich darf um Ihre Aufmerksamkeit bitten" , sagt er über das Mikrofon ins laute Stimmengewirr hinein, das einfach nicht leiser werden will. Gerade hat David F. Girard-diCarlo im Festsaal des Radisson-Hotels in Wien zu einer weitschweifigen Erklärung über das Wahlmännersystem der USA angesetzt. Detailliert listet er die Elektorenstimmen der Wahlgewinner und -verlierer der letzten Jahrzehnte auf. Keine Chance. Er versucht es mit einem Scherz. "Es wird darüber später ein Quiz geben!"

Einige haben sich aus dem Gedränge im Hauptsaal in den Raucherraum um die Ecke geflüchtet, vorbei am Buffet, an dem es Hot Dogs, Chili con Carne und Gulaschsuppe für 4,50 Euro gibt. Anstatt CNNs Wolf Blitzer flimmert hier Hanno Settele vom ORF über den Bildschirm. Maria Rauch-Kallat sitzt in einem der braunen Ledersessel, ein Obama-Sticker prangt auf ihrer Jacke. "Ein Lehrstück" von Wahlkampf sei die Obama-Kampagne gewesen, schwärmt die Ex-Ministerin. "Gute Kampagne, ein guter Bursche."

Eine Stimme für George W.

Das finden viele der Gäste, wie sich später auch in Zahlen messen lässt. Nach Mitternacht tritt Botschaftsrat Bob Hugins ans Rednerpult und verkündet die Ergebnisse einer Abstimmung unter den Anwesenden: George W. Bush erhält eine Stimme, Hillary Clinton zwei, Ralph Nader vier Stimmen. John McCain liegt bei 26. Barack Obama: 311. Der erste Applaus des Abends. "Ägsgjuuus mi" , sagt ein junger Mann auf Englisch mit breitem Wiener Dialekt. "Du ju nou wen se försd resalds kam in?" Und dann auf Deutsch, mit einem Blick auf die Leinwand: "Es hieß, die ersten Ergebnisse sollten gleich kommen. Aber hier gibt's nur Werbung."

Dann endlich, die ersten Resultate: Kentucky, Indiana, alles noch wenig aussagekräftig. Botschafter Girard-diCarlo steht auf dem Gang und gibt bereitwillig Interviews. Dass das Ansehen von George W. Bush in Europa wegen des Irakkriegs beschädigt bleibe, sei unbestreitbar. Aber die zweite Amtszeit des White-House-Chefs müsse doch etwas positiver beurteilt werden, schließlich habe Bush da doch stark auf Multilateralismus gesetzt, in der Finanzkrise im Interesse aller agiert und auch den Klimawandel als globales Problem anerkannt, das nur gemeinsam gelöst werden könne. Zur Bedeutung der Wahl sagt er: "Ich habe noch nie eine Wahl erlebt, von der die Leute nicht gesagt hätten, dass sie die wichtigste aller Zeiten ist."

Die erste CNN-Vorhersage: "Obama gewinnt Pennsylvania!" Bei diesem Satz bricht Jubel aus. "Obaaamaaa!" ruft ein junger Mann, neben ihm hält einer ein Schild mit dem Namen des demokratischen Senators in die Höhe, ein dritter klatscht in die Hände und ruft erleichtert: "Zeit für ein Bier!" Zeitgleich wird in Wien auch bei den Democrats abroad gefeiert und selbst bei der SPÖ, wo sich, da kurzfristig organisiert, nur drei Dutzend Gäste auf viel zu großem Raum einfinden.

Jedes Mal gibt es nun Applaus, wenn Obama einen Staat gewinnt. "Ich kenne bei uns keinen, der ein überzeugter McCain-Anhänger wäre" , sagt eine von der US-Botschaft. "Alle sind für Obama." Nur Girard-diCarlo steht etwas abseits. Auch persönlich hängt für ihn einiges vom Wahlausgang ab: Botschafter werden vom Präsidenten ernannt. Wenn es einen Wechsel gibt, bieten sie ihren Rücktritt an. Dann entscheidet der Wahlsieger, wer geht und wer bleibt.

Halb vier. Im Raucherraum sind zwei übrig geblieben, die die Obama-Begeisterung nicht teilen können. Einer der beiden, ein Investmentbanker, trägt demonstrativ einen McCain-Sticker. Die Republikaner hätten schon immer die bessere Außenpolitik gemacht, argumentiert er, und McCain würde in der Finanzkrise wenigstens nicht hysterisch reagieren. Was er zu den Ergebnissen sagt? "Na ja" , meint er und zuckt mit den Schultern. "Das muss ich zur Kenntnis nehmen." (Julia Raabe/DER STANDRD, Printausgabe, 6.11.2008)

  • Die Democrats abroad freuen sich im Lokal Lion Rampant in Wien über den
Sieg Obamas - und ruhen sich vom vielen Feiern aus. Die SPÖ beging die
Wahlnacht mit Hamburgern, Muffins und amerikanischer Musik im
Domenighaus in Wien-Favoriten. 
    foto: standard/cremer

    Die Democrats abroad freuen sich im Lokal Lion Rampant in Wien über den Sieg Obamas - und ruhen sich vom vielen Feiern aus. Die SPÖ beging die Wahlnacht mit Hamburgern, Muffins und amerikanischer Musik im Domenighaus in Wien-Favoriten. 

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