Starkes Gefühl von "Empowerment"

5. November 2008, 17:19
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In Österreich sehen Afrikaner und andere Einwanderer Obamas Sieg als Chance

Im Büro des International Center for Black Women Perspectives (Afra) im Wiener 15. Bezirk läutet das Telefon am Mittwoch nonstop: "Jeder, der bei uns anruft, freut sich über Barack Obamas Sieg" , berichtet die geschäftsführende Obfrau Beatrice Achaleke.

"Fast glaube ich, wir erleben den Beginn einer neuen Zeit" , sagt die Aktivistin. Immerhin stehe "jetzt ein schwarzer Mann an der Spitze des mächtigsten Landes" . Für schwarze Menschen und andere Einwanderer habe das "ein starkes Gefühl des Empowerment" zur Folge. Und zwar mittelfristig auch in der EU - und sogar in Österreich, wenn die Wahl eines Schwarzen in eine hohe politische Position hier auch "unwahrscheinlich" sei: "Die Europäer würden alle Obama wählen, vorausgesetzt er bleibt in den USA" , stellt Achaleke eine gewisse Doppelzüngigkeit fest.

Unter den Menschen mit Migrationshintergrund jedoch könnten sich viele mit dem neuen US-Präsidenten identifizieren: "Als Mann, als Schwarzer, als Repräsentant der zweiten Generation sowie als globalisierter, diversifizierter Mensch" , zählt Achaleke auf.

Auch Ilunga Kabedi, erste afrikanisch-stämmige Bezirksrätin Wiens, glaubt nicht, "dass so ein Ergebnis in Österreich möglich wäre" . "Hier haben wir eine ganz andere Situation. Wenn man sich das Resultat der Nationalratswahl ansieht, bei der die rechten Parteien 35 Prozent erreicht haben, sieht man, dass noch sehr viel Arbeit vor uns liegt" , sagt die Grüne.

Nicht mit Sieg gerechnet

Darko Miloradović vom serbischen Verein Jedinstvo begrüßt Obamas Gewinn. "Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, weil es immer noch möglich gewesen wäre, dass die Leute anders wählen, als sie bei den Umfragen angeben" , sagt er. Miloradovićs Ansicht nach wäre es in Österreich unvorstellbar, dass ein Ex-Jugoslawe, ein Türke, Muslim oder Schwarzer einen gewichtigen politischen Job ausübt oder gar Präsident wird. Die Präsenz von Immigranten sei schon auf lokaler Ebene verschwindend gering. "In der Lokalpolitik gibt es viel zu wenige Migranten." Dass Politiker mit Migrationshintergrund, wie beispielsweise Alev Korun für die Grünen, im Nationalrat sind, bezeichnet er als eine "Alibi-Aktion" .

Ob ein Erfolg à la Obama auch in Europa möglich wäre, ist für Nihat Koca von der türkisch-islamischen Union Atip "schwer zu beurteilen" . Die US-Wahl sei vor allem "eine interne Angelegenheit der Vereinigten Staaten" , stellt er fest.

Der "Chancengleichheit" in den USA und darüber hinaus hat der Sieg Obamas laut Koca jedoch viel gebracht. "Das Ergebnis ist ein Zeichen gegen die rassistische Zweiklassengesellschaft in den USA" , meint der Sprecher der größten türkischen Vereinigung in Österreich: "Obama hat das Vertrauen der meisten Amerikaner gewonnen, jetzt ist er ein Hoffnungsträger - auch für viele Zuwanderer." (Irene Brickner und Marijana Miljković/DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2008)

 

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