"Du kannst wieder an etwas glauben"

5. November 2008, 18:12
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Die Umfragen stimmten, der Sieg fiel deutlich aus: Barack Obama schreibt als erster Afroamerikaner im US-Präsidentenamt Geschichte

Hello Chicago" , ruft er und kann eine Weile nicht weiterreden, muss warten, bis sich der Beifallssturm legt. Dann bringt er einen Satz, der schon alles zusammenfasst. Mit diesem Satz trifft er genau das Gefühl der 240.000 Menschen, die sich im und um den Grant Park versammelt haben, um Barack Obama zu feiern. "Wenn es da draußen irgendjemanden gibt, der noch immer bezweifelt, dass Amerika ein Platz ist, an dem alles möglich ist, der sich noch immer fragt, ob der Traum unserer Gründer lebt, der noch immer an der Kraft unserer Demokratie zweifelt - heute Nacht habt ihr die Antwort."

Dickes Panzerglas

In Chicago stehen die Uhrzeiger auf kurz nach 23 Uhr, am Rande des weitläufigen Parks leuchten die Wolkenkratzer. An einer Fassade blinken, neun Stockwerke hoch, drei Buchstaben: USA. Vom Michigansee weht eine leichte Brise. Sie lässt die 26 Sternenbanner, die hinter Obama vor einer blauen Wand aufgepflanzt sind, telegen wehen. Die Kulisse wäre perfekt, wären da nicht links und rechts vom Redner die zwei armdicken Panzerglasscheiben, die daran erinnern, dass der 44. Präsident der Vereinigten Staaten wohl noch gründlicher beschützt werden muss als seine Vorgänger.

Am Nachmittag hatte Obama mit Freunden Basketball gespielt, ein wenig abergläubisch, wie sein Stratege David Axelrod erzählte. Man habe die alte Tradition wegen des Wahltags nicht aussetzen wollen, vielleicht wäre dies ja ein schlechtes Omen gewesen, hieß es. Irgendwann im Laufe des Abends rief John McCain an, um zu gratulieren, sehr nobel, sehr anständig, wie Obama betont. Und dann, um 22.58 Uhr, bietet sich ein Bild, das noch vor zwei, drei Jahren nicht denkbar gewesen wäre. "Ladies and Gentlemen" , deklamiert ein Sprecher, "die nächste First Family der Vereinigten Staaten von Amerika" : Barack, Michelle, Sasha und Malia Obama. Bei vielen, die vor der Bühne stehen, fließen die Tränen.

Man sieht Obama an, welcher Erwartungsdruck auf ihm lastet. Er wirkt nicht wie ein strahlender Sieger, eher wie einer, der weiß, dass er das Staatsruder in schwerer Zeit übernimmt. Ohne etwas zu beschönigen, spricht er von der Krise, der "schlimmsten Finanzkrise eines Jahrhunderts" . Mit Martin Luther King sagt er: "Aber ich verspreche euch, wir als ein Volk werden es schaffen." Mit John F. Kennedy beschwört er den Geist des Dienens, des Opferbringens, den das Land erneut brauche. Schließlich findet er prägnante Worte, um den Neuanfang nach George W. Bush, das weltweite Aufatmen über den Befreiungsschlag, auf den Punkt zu bringen. Allen, die sich fragten, ob Amerikas Flamme noch hell lodere, sage er dies: "Dass die wahre Stärke unserer Nation nicht in der Macht unserer Waffen oder dem Maß unseres Wohlstands liegt, sondern in der fortdauernden Kraft unserer Ideale: Demokratie, Freiheit, Möglichkeiten."

Achtzehn Minuten nur dauert die Rede, danach ertrinkt Chicago im Jubelmeer. Es spielen sich Szenen ab, wie man sie in Europa am ehesten nach dem Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft kennt. Autokonvois hupen, wildfremde Menschen liegen einander in den Armen.

Eugene Robinson filmt das alles mit seiner Handykamera, und auf die Frage, wie er das Geschehene mit einem einzigen Wort beschreiben würde, kommt die Antwort wie aus der Pistole: "historisch" . Robinsons Hautfarbe ist noch dunkler als die von Barack Obama, der gedrungene Mittdreißiger arbeitet bei der S-Bahn. "Du kannst wieder an etwas glauben" , sagt er.

Vorausgegangen waren Stunden nervösen Wartens. Vor den Großleinwänden, die überall im Grant Park aufgebaut waren, hatten sich schon am späten Nachmittag dichte Menschentrauben gebildet.

18.12 Uhr: CNN gibt die erste Wahlprognose ab, für Virginia, einen der am heißesten umkämpften Bundesstaaten. 55 Prozent für McCain. Betretenes Schweigen. 18.42 Uhr: die erste Hochrechnung für Florida, wo es stets auf der Kippe steht. 55 Prozent für Obama, die Mienen hellen sich auf, nur Preston Barnes traut dem Frieden nicht recht. Er ist aus New Orleans nach Chicago geflogen, hat die Geschicke seines kleinen Speditionsunternehmens für zwei Tage einem Stellvertreter überlassen. "Warten wir's ab" , dämpft Barnes.

20.32 Uhr: Die Experten sehen Obama in Ohio gewinnen, im sprichwörtlichen Durchschnittsstaat, der fast immer so stimmt wie die Nation. Es wird laut und lustig im Park, Preston Barnes legt den Zeigefinger an seinen Mund. "Bitte nicht jubeln, es ist noch zu früh!" 22.00 Uhr: CNN erklärt Obama zum Gewinner der Wahl. Nun gibt es kein Halten mehr, auch nicht mehr bei Preston Barnes.

Stille Freude

Nigel Ziyad übt sich in stiller Freude. Mit Obamas Triumph verbindet der Flugzeugtechniker eine Art persönlicher Rehabilitierung. Ziyad, sagt er, so hieß doch einer der Attentäter von 9/11, zwar mit dem Vornamen, anders als er. Aber mancher habe da keinen Unterschied gemacht, mitunter habe er sich gefühlt, als stehe er unter Pauschalverdacht. "Und jetzt zieht einer mit einem ostafrikanischen Familiennamen ins Weiße Haus. Da brauche ich meinen Namen auch nicht mehr zu verstecken."

Jennifer Hartsig, Grundschullehrerin aus Hyde Park, dem Wohnviertel des nächsten Präsidenten, hat sich in dem Moment für Obama begeistert, als sie ihn zum ersten Mal auf großer Bühne erlebte. "Diese Eleganz" , schwärmt sie, "so einen kann man seinen Schülern als Vorbild hinstellen." Das Argument, dass er nur reden könne, habe sie nie verstanden: Reden können sei doch immens wichtig. Im Moment der Euphorie zitiert Hartsig die Dichterin Maya Angelou: "Wenn Obama gewinnt, heißt das, mein Land hat beschlossen, erwachsen zu werden." (Frank Herrmann aus Chicago/DER STANDARD, Printausgabe, 06.11.2008)

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    Perfekte Inszenierung nach einem perfekten Wahlkampf: Barack Obama mit Ehefrau Michelle nach der Siegesrede in Chicago.

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    Tränen der Freude: Bürgerrechtsveteran Jesse Jackson.

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