Neue Erkrankungen - Neue Antibiotika-Probleme

5. November 2008, 09:10
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Erste Hinweise auf besonders schwierig zu behandelnde Infektionen außerhalb der Spitäler - Mehr Antibiotika-Gebrauch - Mehr Resistenzen

Wien - In Österreich gibt es erste Hinweise auf das Vorkommen besonders schwierig zu behandelnder bakterieller Infektionen auch außerhalb der Spitäler. Bei "populären" Breitband-Antibiotika wie Fluorchinolonen und Cephalosporinen der dritten Generation machen resistente Keime deren Anwendung derzeit immer weniger sinnvoll. Das waren die Hauptaussagen bei einem Medienseminar in Wien aus Anlass des bevorstehenden 1. Europäischen Antibiotika-Tages (18. November).

Geschichtliches

"1930 bis 1960 gab es die 'Penicillin-Ära', 1960 bis 1990 das 'Goldene Zeitalter' mit den Breitspektrum-Antibiotika, 1990 bis 2000 dann das Aufkommen resistenter Erreger - und mit der Jahrtausendwende tauchten dann neue Bedrohungen auf", sagte der Wiener Spitalshygiene-Spezialist Oskar Janata (SMZ-Ost).

Während bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer mehr bakterielle Infektionen immer einfacher therapiert werden konnten, schlugen ab diesem Zeitpunkt die darwinistisch auf Überleben in einer Antibiotika-Welt "trainierten" Keime zurück. Zunächst im Spital bei Schwerstkranken und alten Patienten: methicillinresistente (multiresistente) Staphylokokken (MRSA) und ebenfalls mehrfach-resistente Darmbakterien machten sich dort breit. Dem kann durch rigorose Hygiene und optimierte Behandlungsregimes Paroli geboten werden.

Erstmals schwierige Darminfektionen

Doch die Entwicklung geht weiter. Janata: "Sind solche Keime in den neunziger Jahren damals im Spital bei alten und sehr kranken Patienten aufgetaucht, können sie jetzt außerhalb der Spitäler junge und gesunde Menschen betreffen. Die Bedrohungen nehmen nicht ab." Erst vor kurzem musste ein junger Patient mit einer solchen ambulant erworbenen MRSA-Infektion im SMZ-Ost behandelt werden, die gesamte Familie war "Träger" des Keims. Erstmals sind auch in Österreich schwierig zu behandelnde Clostridium difficile-Darminfektionen aufgetaucht. In den USA breiteten sich MRSA-Infektionen außerhalb von Krankenhäusern paradoxerweise zum Beispiel über die Kraftkammern von Fitness-Clubs aus.

Bakterien mit Überlebensstrategie

Was hinter dieser Entwicklung steckt, ist noch nicht bekannt. Klar ist, dass jeder Selektionsdruck auf Bakterien diese zur Ausbildung von Überlebensstrategien bringt. Das sind dann zum Beispiel die Antibiotika-Resistenzen. Hier liegt Österreich laut Helmut Mittermayer (KH Elisabethinen/Linz), Chef des diesbezüglichen Referenzzentrums, im internationalen Vergleich recht gut, es gibt aber Problempunkte.

Positive Entwicklungen

Positiv, so Spezialistin Petra Apfalter (KH Elisabethinen/Linz): "Bei den Pneumokokken (Lungenentzündung, Mittelohrentzündung, Anm.) kann man in Österreich Entwarnung geben. Wenn Penicillin in ausreichend großer Dosis gegeben wird, kann man eher annehmen, dass der 'Pneumokokk' abstirbt." Das ist in anderen Staaten Europas ganz anders. Positive Entwicklungen gibt es auch bei den MRSA-Spitalskeimen. Seit 2003 sind sie in Österreich bei Krankenhauspatienten zu einem Rückgang dieser Keime gekommen.

Resistenzen durch übermäßigen Gebrauch

Doch Bakterien sind Überlebenskünstler. Bei Patienten, die mit invasiven E.coli-Infektionen ins Spital kommen, zeigten sich im Jahr 2001 in Österreich nur 6,9 Prozent als resistent gegen die häufig verwendeten Fluorchinolon-Antibiotika. Mittermayer: "Im Jahr 2007 waren es 25,8 Prozent." Der offenbare Grund: Mit dem Ablaufen der Patentfrist für die Leitsubstanz Ciprofloxacin (ehemals Bayer) und dem Auftauchen von billigeren Nachahmepräparaten verdoppelte sich der Gebrauch dieses Antibiotikums in Österreich zwischen 2001 und 2007. Dadurch wurden unempfindliche Keimlinien selektioniert. Eine ähnliche Entwicklung lief offenbar bei den Cephalosporin-Antibiotika der 3. Generation ab.

Mittermayer: "Es gibt eine klare Korrelation zwischen Antibiotika-Gebrauch und Resistenzen." Auf neue Antibiotika darf derzeit niemand hoffen. Der Experte: "Die Antibiotika-Pipeline (der Pharma-Konzerne, Anm.) ist derzeit ausgetrocknet. Die Wirksamkeit der vorhandenen Antibiotika muss erhalten bleiben." Wichtig sind dabei speziell Hygiene, zurückhaltender und sachgerechter Umgang mit den Medikamenten und die Überwachungssysteme auf die Resistenzentwicklung. Erstmals veröffentlicht wurde auch ein vom Gesundheitsministerium initiierter "Österreichischer Resistenzbericht - AURES), der die aktuellen Daten zusammenfasst. (APA)

 

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    Bakterien sind wahre Überlebenskünstler - gegen manche Antibiotika haben sie laut Medizinern Resistenzen entwickelt

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