Aussterbende Sorten und gesalzene Preise

4. November 2008, 19:00
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Der Naschmarkt hat sich zu einer Hauptattraktion für Touristen entwickelt - Den Wirten und Feinkost-Händlern kommt das gelegen, einige Standler hätten es allerdings gern wieder ein bisschen ruhiger

Wien - "Früher", sagt Hasan Özer, "waren wir von lauter Blumengeschäften umgeben. Heute sind das alles Lokale." Der Umstand, dass sich ein Gutteil der Marktbesucher offenbar mehr fürs Im-Beisl-Sitzen als fürs Einkaufen interessiert, kratzt den in der Türkei geborenen Fleischhauer, der seit 25 Jahren einen Stand auf dem Naschmarkt betreibt, aber wenig. "Ist doch gut, dass jetzt so viele Leute da sind. Und ich habe auch etwas davon, wenn sie viel essen und trinken. Denn die Gastronomen vom Markt kaufen ja auch bei mir ein."

Als einfacher Standler sei man am Naschmarkt noch immer am besten dran. "Meine Brüder haben am Viktor-Adler-Markt und am Meidlinger Markt Fleischhauereien. Dort ist es wesentlich schwieriger, weil die Konkurrenz viel größer ist."

Der größte innerstädtische Markt Wiens hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Zuerst kamen die schicken Lokale - den Gastroboom hat das Marktamt inzwischen mit einer Beschränkung von Lokal-Quadratmetern auf dem überbauten Wienfluss zwischen Getreidemarkt und Kettenbrückengasse eingebremst - jetzt kommen die Feinkost-Läden. Vor allem im Bereich zwischen Kettenbrücken- und Schleifmühlgasse gibt's inzwischen praktisch kein Standl mehr, an dem sich das Angebot auf Obst und Gemüse beschränkt. In diversen Glasvitrinen stapeln sich Wurst, Käse und jede Menge eingelegtes Kleingemüse - zu gesalzenen Preisen.

Gabriele und Karl Kuczera gehören zu den wenigen Stand-Inhabern, die sich von dieser Entwicklung nicht beirren lassen. "Wir haben noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, was anderes als Obst und Gemüse zu verkaufen", sagt Gabriele Kuczera. "Zu meinen beiden Söhnen sage ich immer: ,Solange ich hier bin, bitte nicht.'"

Seit vier Generationen sind die Kuczeras am Naschmarkt präsent. Dass sie der Trend zur prall gefüllten Glasvitrine nicht weiter kümmert, hat wohl auch damit zu tun, dass sich die Familie stets darum bemüht, selbst angebaute, vom Aussterben bedrohte Sorten anzubieten - während die meisten anderen Standler das gängige Grünzeug vom Großmarkt in Inzersdorf führen, das man ohnehin auch im Supermarkt bekommt. Was den Kuczeras allerdings zu schaffen macht, ist der Umstand, dass der Markt immer mehr zur Touristenattraktion wird.

"Viele Stammkunden sagen, sie kommen nicht mehr so gerne zu uns, weil so viel los ist", sagt Gabriele Kuczera. "Eigentlich müsste man einen zweiten Naschmarkt bauen - für die Touristen." Von den Marktbesuchern, die sich nicht so sehr für Lebensmittel interessieren, die einer Zubereitung in den eigenen vier Wänden bedürfen, lebt hingegen Ibrahim Kilicdagi ganz gut.

Als der gebürtige Türke Mitte der Neunzigerjahre zwischen Schleifmühl- und Kettenbrückengasse ein Lokal eröffnete, gab's noch kaum Gastronomie am Markt. "Der Anfang war ziemlich hart, aber jetzt läuft das Do-An sehr gut", sagt Kilicdagi. Seit ein paar Jahren betreibt Kilicdagi ein zweites Lokal - das An-Do am Brunnenmarkt. Daneben ist er nach wie vor Besitzer eines Gewürz-, Tee- und Gemüsestands schräg gegenüber dem Do-An am Naschmarkt. Richtig Geld zu verdienen ist damit laut Kilicdagi aber schon länger nicht mehr. "Ich würde den Stand trotzdem nie aufgeben", sagt er, "das war meine erste Liebe. Und die bleibt." (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 05.11.2008)

  • Gabriele Kuczera handelt seit 35 Jahren mit Obst und Gemüse:"Eigentlich müsste man einen zweiten Naschmarkt bauen."

    Gabriele Kuczera handelt seit 35 Jahren mit Obst und Gemüse:
    "Eigentlich müsste man einen zweiten Naschmarkt bauen."

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