Mit mehr Geld, aber ohne Schokolade

4. November 2008, 18:48
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Die österreichische Wissenschafterin Barbara Herdy arbeitet in Montreal an neuen Krebstherapien

Mit 16 hörte Barbara Herdy im Gymnasium das erste Mal detailliert von DNA und wollte ab diesem Zeitpunkt Wissenschafterin werden. Heute arbeitet die knapp 30-Jährige mit onkolytische Viren, was zu den vielversprechenden Ansätzen in der Krebstherapie gehört. Im Sonenberg-Labor der McGill University in Montreal versucht die Molekularbiologin, das Vesicular Stomatitis Virus (VSV) entsprechend "abzurichten".

Eine Infektion mit VSV zeigt beim Menschen kaum Symptome, da der Körper Botenstoffe des angeborenen Immunsystems (Interferon) ausschüttet. So wird in gesunden Zellen eine antivirale Antwort aufgebaut, die vor der Infektion schützt. Krebszellen hingegen reagieren nicht mehr auf Interferon und werden vom Virus getötet.

Zurzeit ist die Immunantwort des Körpers zu stark und müsste auf das Virus abgestimmt werden, damit es genügend Zeit hat, Krebszellen zu infizieren, bevor es ausgeschieden wird. Barbara Herdy konzentriert sich in ihrer Dissertation darauf zu verstehen, wie gesunde Zellen die Synthese von Interferon steuern und wie sich diese Regulation auf den Infektionsverlauf von VSV ausübt.

"Eine Art Sucht"

"Forschung ist eine Art Sucht. Man steht oft Monate im Labor, ohne dass ein Versuch funktioniert. Dann ändert man nur ein kleines Detail, und es geht. Ein unvorstellbarer Kick. Am nächsten Tag beginnt alles wieder von neuem, mit dem nächsten Versuch", beschreibt Herdy ihre Arbeit. Für den "Kick" nimmt sie viele unbezahlte Überstunden und harte Konkurrenz in Kauf.

In ihrem studentischen Zweitjob als Sales Managerin einiger Anbieter versorgt sie das Sonenberg-Labor mit Chemikalien und Enzymen: "Bei 30 Leuten geht andauernd irgendetwas aus, und da ich im Schnitt elf Stunden pro Tag arbeite, kann ich den Mangel rasch beheben." In den Zeitplan hineinquetschen lassen sich auch Capoeira, Eishockey und Kinobesuche.

"McGill ist das Harvard von Kanada", meint die Wienerin, die sich direkt mit ihrem Diplom von der Uni Wien beworben hat. Am dortigen Campus findet der zwanglose Austausch mit Kollegen "freitags bei einem Bier" statt. Services, wie Sequenzierung, Massenspektroskopie oder Histologie, sind zentral untergebracht und stehen jedem Wissenschafter im neuen McGill Cancer Center zur Verfügung.

Der Unterschied zwischen den Arbeitsgruppen an der McGill University und der Uni Wien liege in der finanziellen Ausstattung. In ihrem Labor arbeiten "bis zu sechs Postdocs an einem heißen Thema, und so wird schnell und hochrangig publiziert". Trotzdem hätten die heimische Ausbildung und einige Spezialisten jenseits des Atlantiks einen guten Ruf, "vielleicht mehr, als man sich in Österreich bewusst ist".

In Montreal hat Barbara Herdy auch gelernt, "dass man verschiedenste Kulturen akzeptieren muss und voneinander lernen sollte". Für eine wirklich gute Postdoc-Stelle würde sie auch nach ihrer Dissertation durchaus in Montreal bleiben.

An Österreich vermisst sie "nicht zuletzt ihre Familie, die Kultur, aber auch Kleinigkeiten wie das Brot, den Kaffee und die Schokolade". (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe 05.10.2008)

 

  • Die Mikrobiologin Barbara Herdy versucht in ihrer Dissertation, Viren "abzurichten".
    Foto: privat

    Die Mikrobiologin Barbara Herdy versucht in ihrer Dissertation, Viren "abzurichten".

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