Das Echo des 12. November

4. November 2008, 18:29
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Staaten brauchen eine sogenannte "Große Erzählung", ein Narrativ, das davon berichtet, woher wir kommen

Der kommende 90. Jahrestag der Republikgründung und des Endes der Doppelmonarchie ist ein Pflichttermin, mit dem niemand etwas Rechtes anfangen kann. In unserer kollektiven Erinnerung war die Erste Republik "der Staat, den keiner wollte". Und vom habsburgischen Vielvölkerreich scheint in unseren Köpfen nicht viel mehr hängengeblieben zu sein als Sisi-Kitsch und Fremdenverkehrsnostalgie. "We have no emperors, only their jewels" wirbt, nicht unwitzig, die Wiener Schatzkammer auf ihren Plakaten. Haben wir wirklich nichts anderes?

Das wäre schade. Staaten brauchen eine sogenannte "Große Erzählung", ein Narrativ, das davon berichtet, woher wir kommen, was wir erlebt haben, wer wir sind. Es ist eine Art Halteseil, an dem sich die Bürger festhalten können. Es verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit. Kinder, Einheimische wie Zugewanderte, wachsen damit auf und wissen, was sie meinen, wenn sie "wir" sagen. Dass die Große Erzählung die negativen Seiten der Entwicklung nur streift und die positiven betont, gleichsam den Trend des Ganzen hervorhebt, gehört dazu.

Bei den Franzosen ist der Kern ihrer Erzählung die Große Revolution, die Aufklärung, die Deklaration der Menschenrechte. Die Amerikaner denken an ihre Unabhängigkeitserklärung, in der davon die Rede ist, dass alle Menschen gleich geboren sind, und an ihr Land als Hort der Freiheit und Zufluchtshafen aller Verfolgten, wie es auf der Freiheitsstatue geschrieben steht. Die Schweizer haben ihren Rütlischwur und die Polen ihr Lied "Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben", das während der zahllosen Aufstände immer dann gesungen wurde, wenn die Lage verzweifelt schien.

Und wir? Für mich ist das wesentlichste Erbstück der Habsburgermonarchie ihre Internationalität. Dass praktisch ganz Mitteleuropa und Südosteuropa einmal Österreich-Ungarn war, ist es wert, nicht vergessen zu werden. Dass unsere Großeltern in einem Territorium zuhause waren, das von Prag bis Triest, von Bregenz bis Czernowitz reichte, dass man dort ohne Pass von einem Ort zum anderen reiste und nirgendwo fremd war, ist eine kostbare Erinnerung und ein Teil unserer Identität. Ja, es stimmt, dass viele Einwohner dieses Reich als Völkerkerker empfanden. Es stimmt, dass das Projekt am Ende gescheitert ist, nicht zuletzt durch die Schuld der Regierenden. Aber ein Nachhall dieser größeren Heimat ist uns geblieben, wenn wir ihn nicht verdrängen. Provinzialismus ist das Allerletzte, das zu dieser unserer Geschichte passt.

Die Europäische Union, der die meisten der ehemaligen Nachfolgestaaten mittlerweile beigetreten sind, hat den Faden wieder zusammengeknüpft, der 1918 zerrissen ist. Nicht eine Dynastie, sondern ein demokratisch beschlossener Vertrag hält sie zusammen. Es scheint absurd, dass ausgerechnet die Österreicher zu den skeptischsten Europäern gehören. Und dass just in Österreich der Slogan "Kärnten wird einsprachig" entstehen konnte, ist ein Echo jenes Geistes, der seinerzeit das Vielvölkerreich kaputtmachte. An all das könnten wir uns am 12. November erinnern. Denn wir haben mehr von der damaligen Epoche geerbt als die Kronjuwelen der Habsburger. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD Printausgabe, 5. November 2008)

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