"Wir sind zum Weltpolizisten geworden"

4. November 2008, 19:12
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Finanzkrise und Abzugspläne: Amerikaner im Irak über den Wahlkampf in der Heimat

Zufällig hat Gaynelle am Wahltag Geburtstag, ein doppelter Anlass, eine Party zu veranstalten. In Bagdads schwer bewachter Grüner Zone sind solche Ereignisse ansonsten selten. Zu ihren Gästen zählen Amerikaner, die für Sicherheitsfirmen arbeiten, Mitarbeiter ziviler Wideraufbauteams und Soldaten. Gaynelle hat Bier und Wein besorgt, um ihren 50er gebührend zu feiern. Der kleine Bungalow inmitten der Wohnblocks, wo Angestellte der irakischen Ministerien untergebracht sind, wurde festlich geschmückt. Nach dem "Happy Birthday" für die Gastgeberin, kommen die Eingeladenen schnell zum derzeit alles beherrschenden Thema: Wie soll es weitergehen mit den Amerikanern im Irak?

Die meisten von Gaynelles ausschließlich weißen amerikanischen Gästen haben per Briefwahl für McCain gestimmt. Charlies Stimme an McCain gilt der Aufrechterhaltung der Präsenz der Amerikaner im Irak. Er glaubt an die Hirtenrolle, die sein Land übernommen hat. "Wir haben nicht danach getrachtet, aber wir sind zum Weltpolizisten geworden" , sagt der 57-Jährige, der im Jänner 2006 für eine Sicherheitsfirma nach Bagdad kam.

Mike denkt da völlig anders. Als Angehöriger der US-Armee kommt er viel im Land herum. Gerade kam er von einer Fahrt nach Taji im Norden Bagdads zurück, wo die irakischen Sicherheitskräfte ihr Hauptquartier aufgebaut haben. "Die wollen uns loswerden, sobald sie genügend ausgebildet sind" , sagt Mike. Er habe für Obama gestimmt, nicht so sehr wegen des Irak, sondern weil er Rezepte für einen Ausweg aus der Finanzkrise habe und die Kleinen unterstützen wolle. Es könne nicht sein, sagt der 32-jährige Amerikaner leise, dass ihm zwischen 30 und 40 Prozent seines Lohnes abgezogen würden und die Großverdiener Steuererleichterungen erhielten. Mit dem Abzug der Truppen aus dem Irak werde sich auch Obama Zeit lassen, ist Mike überzeugt. Realpolitik sehe eben anders aus als Wahlkampf. (Birgit Svensson aus Bagdad/DER STANDARD, Printausgabe, 5.11.2008)

 

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