Blüten und Blasen

4. November 2008, 18:18
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Schlechte Regulierung in USA und EU hat die Krise stärker beflügelt als fehlende

Die Planungen an der neuen Weltfinanzarchitektur schreiten voran. Auch wenn die Konturen des neuen Rahmenwerks erst schemenhaft vorhanden sind, gibt es doch kaum Zweifel am Reformwillen. Fragt sich nur, wohin die Reise geht. Und ob alle Globetrotter das gleiche Ziel anstreben. Gemeinsamkeiten dies- und jenseits des Atlantiks sind unabhängig von der neuen Besetzung des Weißen Hauses unschwer auszumachen. In Europa wie in den USA lautet die Devise: Mehr Regulierung, und das möglichst rasch. Das erscheint angesichts der dramatischen Auswirkungen der Finanzkrise naheliegend und entspricht wohl dem Wunsch breiter Bevölkerungsschichten, jenem der veröffentlichten Meinung allemal.

Aktionismus ist freilich das Letzte, was in der aktuellen Lage gefragt wäre. Er verstellt den Blick auf die Ursachen der Finanzkrise und verleitet zu Überreaktionen, die nicht nur die Entfaltung der freien Marktkräfte unterdrücken, sondern falsche Anreize geben. Selbige sind bereits in der Vergangenheit mindestens ebenso stark von schlechter Regulierung ausgegangen wie von fehlender. Die Geschäftsbanken sind das beste Beispiel dafür. Es gibt weltweit keine Industrie, die jemals derart eng an die Kandare genommen wurde wie der Kreditapparat. Die Regelwerke Basel I und Basel II verleiteten Geldhäuser zur Auslagerung von Risiken (meist in Conduits, das sind Zweckgesellschaften, die wilde Transaktionen mit verbrieften Kreditforderungen durchführen), um eine Unterlegung der Geschäfte mit (teurem) Eigenkapital zu vermeiden.

Ebenso systemimmanent ist die prozyklische Wirkung der Vorschriften, die Boomphasen ebenso beschleunigen wie Abschwünge. Mit der sturen Regelung einer fixen Eigenkapitalquote können die Banken im Aufschwung mit Geld um sich werfen, in der Krise sind sie wegen des Wertverfalls ihrer Assets zur Fälligstellung von Krediten gezwungen.

Ein anderes Beispiel für die Unrichtigkeit der These, wonach fehlende Rahmenbedingungen Hauptursache der Krise seien, sind die großen US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac: Trotz staatlicher Garantien und umfassender Aufsicht trugen sie maßgeblich zum zügellosen Hausbau auf Pump und - im Verbund mit Hypotheken- und Investmentbanken - zur Streuung der Kredite über den Globus bei. Ähnlich falsche Anreize gaben die Bilanzierungsstandards, die zu sofortigem Ausweis fiktiver Gewinne in Form von Kurssteigerungen führen. Das bläht die Bilanzen auf und führt zu einer Aufwärtsspirale, weil höhere (künstliche) Erträge wiederum die Notierungen anfeuern und vice versa. Auch hier treibt die Regulierung Blüten und fördert Blasen.

Genau diese Systemfehler gehören bereinigt, und zwar nicht durch mehr Vorschriften, sondern durch bessere, wobei der Vollzug dessen, was ausgetüftelt wird, diesmal auch mitbedacht werden sollte. Weder die Aufsichten noch die Notenbanken waren in der Lage, die Blähungen des Weltfinanzsystems zu erkennen, geschweige denn zu bekämpfen. Ob vollmundige Ansagen wie die Gründung einer europäischen Wirtschaftsregierung oder ein Weltfinanzgipfel etwas dazu beitragen können, ist fraglich. Dort befinden sich viele Persönlichkeiten am Tisch, die beim Crashkurs am Steuer saßen.

Ändern wird sich das frühestens mit dem neuen US-Präsidenten, der unvorbelastet in die Gespräche eintreten kann. Doch aus Washington droht auch neues Ungemach. "America first" , lautet meist der Schlachtruf in Krisenzeiten. Konkret könnte das so aussehen: Subventionen für die eigene Wirtschaft, Beschränkungen des Handels zum Schutz der US-Wirtschaft. Mit den Gemeinsamkeiten wäre es dann ziemlich rasch vorbei. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05.11.2008)

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