Die Gefühlsbeschleunigermaschine

4. November 2008, 18:06
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Eine Geschichte hehrer, heikler und hitziger Momente wird gefeiert und pädagogisch angewandt - Mindestens 73 Medaillengewinner kommen

Wien - "Seit 776 die antiken Olympischen Spiele begonnen haben, hat sich viel geändert." Trixi Schuba stapelt tief. Sie hat 1972 in Sapporo die Goldene im Eiskunstlauf gewonnen und überblickt einen erheblichen Teil der olympischen Geschichte Österreichs. Sehr kommerziell seien die Spiele geworden, meint sie, und leider zähle nur mehr die Medaille.
Schuba propagiert die Disziplin, Toleranz und Selbstbestimmung, die Training und Wettkampf mit sich bringen und argumentiert also im emanzipatorischen Mainstream der Begründungen, die für die ersten hundert Jahre des Österreichischen Olympischen Comités angeführt werden.

ÖOC-Präsident Leo Wallner will zu diesem Zweck mit dem Ex-ÖFB-Präsidenten Beppo Mauhart dessen Initiative zur Errichtung eines Sportmuseums vorantreiben. Als Ort der Leistungsschau, der Reflexion, des Erlebens und der historischen und politischen Einordnung des existenziellen, medialen und politischen Phänomens "Sport" . Wallner: "Die Wahlen haben uns ein wenig zurückgeworfen, derzeit wissen wir nicht, mit wem wir über das Museum reden sollen. Aber das wird sich auch demnächst ändern."
Vorher wird eine Broschüre über Österreichs olympische Geschichte in mehr als 1600 Schulen verteilt. Wallner: "Wir wollen den Breitensport fördern, aber ohne Helden geht das nicht."

Buch und Lob

Helden wie der Segler Roman Hagara, der im Jubiläumsbuch des ÖOC ("Olympische Momentaufnahmen" ; Autor: Erwin Roth) als doppelt Goldener (2000 Sydney, 2004 Athen) lobend erwähnt wird. Am Freitag werden das Buch und Hagara und mindestens 72 andere olympische Medaillengewinner in den Redoutensälen von Wallner, IOC-Chef Jacques Rogge und Bundespräsident Heinz Fischer noch einmal ausführlich gelobt werden. Für ihre Verdienste um den Sport, das Vaterland, die Jugend und die Gesundheit.
Aus dem historischen Nebel schält das ÖOC den 16. März als Geburtstag, der im Herbst, nach dem Ausflug nach Peking, würdig begangen wird. Ein Verein, der immerhin der kaiserlichen Ignoranz Franz Joseph I. abgerungen wurde, kann nicht ganz schlecht sein.

Vor allem im Wintersport zeigt sich die nationale Komponente des Olympismus, und die Winterspiele mussten immerhin vor der zwar nicht kaiserlichen, aber doch feudalen Ignoranz des ehemaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage geschützt werden. Wallner: "Brundage wollte keine Winterspiele. Das sieht man ja auch an der Affäre um Karli Schranz." Österreichs prominentester Leider-nein-Olympiasieger wurde wegen eines Auftritts mit einem Sponsorleiberl bei einem Amateur-Kick von den Spielen 1972 in Sapporo suspendiert. ORF-Generalintendant Gerd Bacher inszenierte eine seither beispiellos gebliebene Hysterie, die sogar Bundeskanzler Bruno Kreisky nötigte, sich mit dem unvollendeten Helden auf dem Balkon über dem Heldenplatz zu zeigen.

Für Sommerspiele war Österreich wohl immer zu klein. Die Winterspiele sind das geeignete Ding, 1964 und 1976 spielte Innsbruck mit Olympia, und der vielleicht größte Sportheld des Landes, Franz Klammer, war so gut und gewann die Abfahrt vom Patscherkofel. Seither rückt Österreich nach den verlorenen Bewerbungen von Kitzbühel und Salzburg vielleicht an den Rand des olympischen Universums. Ganz hinaus fällt das Land nicht. Am 12. Dezember entscheidet das IOC wahrscheinlich, die Winterjugendspiele 2012 nach Innsbruck zu vergeben. (Johann Skocek - DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.11. 2008)

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